Wacker Innsbruck vs. Rapid Wien – eine Nachbetrachtung

„Tore die man nicht schießt, bekommt man!“ lautet eine alte Fußballweisheit. Würde sie zwingend stimmen, wäre es für den SK Rapid beim zweiten Auftritt im Abstiegsplayoff richtig teuer gekommen. Da aber auch Weisheiten nicht vor Fehlern gefeit sind, haben die Hütteldorfer ihre erfreuliche Beziehung zu den Tirolern um ein weiteres Kapitel erweitert.

 

Das erfreuliche Dutzend:

Mit dem gestrigen Auswärtssieg sind die Hütteldorfer gegen Wacker Innsbruck nun schon seit 12 Spielen ungeschlagen. Die letzte Niederlage ist bereits mehr als 7 Jahre her. Damals standen Mario Sonnleitner und Deni Alar in der Startelf. Der Innenverteidiger wäre vermutlich wieder von Beginn an dabei gewesen, eine Erkrankung hat das jedoch verhindert. Dafür durfte der Stürmer zumindest als Reservist dabei sein. Unter Trainer Didi Kühbauer ist Deni Alar noch nicht richtig in Fahrt gekommen und pendelte zuletzt zwischen Tribüne und Ersatzbank.

 

Rochade:

Die nervenaufreibenden und kräftezehrenden 120 Minuten im Cuphalbfinale haben Spuren in der Aufstellung hinterlassen. Das gesperrte und erkrankte Innenverteidigerduo von Pasching wird durch den wieder einmal genesenen Christopher Dibon und Elfmeterheld Mateo Barac ersetzt. Links kehrt Boli Bolingoli in die Viererkette zurück. Auch Christoph Knasmüllner ist nach seinem unfreiwillig kurzen Auftritt wieder dabei und Andrei Ivan verschafft Philipp Schobesberger vorerst eine Ruhepause.

 

Furioso:

Die Hütteldorfer zünden von Beginn an ein Offensivfeuerwerk. Ob die ersten 20 Minuten gegen das Pyrotechnikverbot verstoßen haben, wird noch zu prüfen sein. Mit Spielwitz, aggressiv, direkt, zielstrebig und technisch versiert werden die Angriffe vorgetragen. Allerdings mit unterschiedlicher Qualität im Abschluss:

 

Patschert

stellt sich nach nicht einmal 2 Minuten Christoph Knasmüllner nach herrlichem Zuspiel von Andrei Ivan an. Rapids Nummer 28 hätte sich den Ball sogar vor dem leeren Tor stoppen können, um ihn im verwaisten Gastgebergehäuse aus wenigen Metern unterzubringen. Der Ball rutscht ihm jedoch durch und kullert ins Torout.

 

Zu zentral

fällt der Volley aus 7 Meter Entfernung von Aliou Badji nach guter eigener Ballannahme und schöner Vorlage von Dejan Ljubicic aus. Torhüter Christopher Knett kann parieren und der Ball wird zur Ecke geklärt.

 

Chancenlos

ist der Torhüter beim – fast darauf – anschließenden Eckball. Die Innsbrucker bekommen den Ball nicht weg, der Schussversuch von Kapitän Stefan Schwab kann noch vor der Torlinie abgewehrt werden, doch Christopher Dibon netzt nach 6 Minuten zur Führung! Was für ein Comeback!

 

Ein leichter Schubser

verhindert den frühen zweiten Treffer der Hütteldorfer. Nach einem weiteren gefährlichen Eckball – dieses Mal von der anderen Seite durch Christoph Knasmüllner getreten – setzt sich im Fünfmeterraum Aliou Badji mit dem Kopf gegen Torhüter Christopher Knett regelkonform durch. Die Kopfballkerze befördert Mert Müldür aus kurzer Distanz über die Torlinie, doch dem aufmerksamen Unparteiischen Robert Schörgenhofer ist ein leichter Schubser von Dejan Ljubicic an Robert Kerschbaum nicht entgangen und erkennt den Treffer nicht an – korrekte Entscheidung.

 

Schlitzohrig

fällt der Schlenzer von Thomas Murg auf die Latte des Tiroler Tors aus. Ein weiter Pass von Außenverteidiger Mert Müldür in den generischen Strafraum, eine kluge Ablage von Christoph Knasmüllner und schon ist die Latten- und Stangenschuss-Statistik von Thomas Murg um einen Treffer reicher.

Nicht einmal 20 Minuten sind bis zu diesem Zeitpunkt gespielt.

 

Was machen die Innsbrucker?

Defensiv einen schlechten Eindruck, wie die zahlreichen Torchancen des österreichischen Rekordmeisters beweisen.

Offensiv finden die Gastgeber fast ausschließlich in der Person von Stürmer Zlatko Dedic statt. Nach nicht einmal viereinhalb Minuten vergibt der Routinier die beste Chance des Spiels. Eine Flanke von Ex-Rapidler Michael Schimpelsberger wehrt Torwart Richard Strebinger viel zu kurz ab. Der ehemalige slowenische Internationale stoppt sich den Ball mit der Brust und hämmert ihn volley aus knapp 12 Meter Entfernung knapp am Kreuzeck vorbei. Bei einem späteren Weitschuss des 34jährigen kann sich Richard Strebinger dann wieder auszeichnen.

Nach 20 Minuten stabilisieren sich die Mannen aus dem heiligen Land und können das Match beruhigen und offen halten. Das Spiel plätschert bis zum Pausenpfiff eher ereignislos dahin.

 

Rapid Wien sucht die Entscheidung!

Der Pausentee scheint den Hütteldorfern gut getan zu haben, denn sie möchten die Partie nun vorentscheiden. Vernünftig, stecken doch einigen Akteuren noch die Strapazen vom Aufstieg in das Cupfinale in den Knochen und die Innsbrucker werden unnötig im Spiel gehalten. Ein Lucky Punch, eine abgerissene Flanke, ein Geniestreich, eine Standardsituation oder ein unnötiger Patzer und die Gastgeber sind wieder voll im Spiel.

 

Scheitert aber zunächst weiter am eigenen Unvermögen:

 

Quergelegt

wird der Ball nach 53 Minuten von Thomas Murg in den Strafraum zu Marvin Potzmann. Der in der ersten Halbzeit für den verletzt ausgeschiedenen Mateo Barac ins Spiel gekommene Außenverteidiger – Mert Müldür gibt seither den Innenverteidiger – kommt knapp innerhalb des Strafraums zum Abschluss, sein leicht abgefälschter Versuch verfehlt das Tor haarscharf.

 

Noch näher

ist Andrei Ivan seinem zweiten Meisterschaftstreffer in Minute 62. Nach einem schnellen Angriff über mehrere Stationen wird der Rumäne von Christoph Knasmüllner im Strafraum perfekt frei gespielt. Der linke Flügelspieler bringt das Kunstleder auch am herauseilenden Torhüter vorbei, jedoch kann Innenverteidiger Matthias Maak den Ball noch von der Torlinie kratzen.

 

Vergleichsweise harmlos

ist der Abschluss von Thomas Murg nach einem Konter 3 Minuten später. Seinen Flachschuss in Richtung langes Eck bugsiert Christopher Knett erfolgreich ins Torout.

 

Ein Tänzchen

wagt der eingewechselte Philipp Schobesberger nach einem weiteren Konter im Strafraum mit dem Ball, umrundet elegant einen Gegenspieler und findet jedoch im Goalie der Tiroler seinen Meister.

 

Uneigennützig

legt Rapids „Pfitschipfeil“ den Ball auf Aliou Badji zurück. Der Senegalese kann sich das Spielgerät im Strafraum sogar stoppen, um es hernach unbedrängt weit über das Tor zu jagen.

 

Noch patscherter

stellt sich Christoph Knasmüllner bei seinem zweiten Versuch, den Ball aus 5 Meter Entfernung im leeren Tor unterzubringen, an. Noch besser hätte ihm den Ball Philipp Schobesberger nicht mehr servieren können.

 

Es ist vollbracht

werden sich nicht nur die 500 mitgereisten Rapidfans gedacht haben, als der für Aliou Badji ins Spiel gebrachte Deni Alar 2 Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit zur Entscheidung trifft. Und damit seine seit dem 02. September 2018 währende Torsperre beendet.

 

Perfekte Woche:

Mit 2 Meisterschaftssiegen und dem glücklichen, aber erfolgreichen Einzug ins Cupfinale endet eine fast perfekte Woche für die Wiener. Einzig der von Geschäftsführer Sport Fredy Bickel verkündete Abschied nach dem Ende der Saison ist ein großer Wermutstropfen.

 

War Rapid so stark?

Die Chancenauswertung muss man nach diesen 90 Minuten bekritteln. Ansonsten hat die Mannschaft sehr viel richtig gemacht. 26 Torschüsse wurden abgegeben, davon 22 innerhalb des Strafraums und insgesamt 10 Schüsse sind auf das Tor gegangen. Umgekehrt bloß ein einziger. Wobei wir auch schon bei der bärenstarken Defensive sind. Die fast komplett neu zusammengewürfetle Abwehrviererkette war in der ersten Halbzeit noch etwas anfällig, nach dem Wechsel von Mert Müldür in die Innenverteidigung deutlich stabiler. Der junge türkische Teamspieler hat eine weitere Talentprobe abgegeben. Auch Dejan Ljubicic scheint nach einem zwischenzeitlichen Tief seine Form wiederzufinden. Bei Kapitän Stefan Schwab ist noch Luft nach oben, denn die Schlampereien im Passspiel muss er ablegen.

 

Oder Innsbruck so schwach?

Der Sieg ist letztendlich klar ausgefallen, überheblich werden darf die Mannschaft deswegen nicht. Es ist zwar aller Ehren wert, dass sich die Innsbrucker nicht einbetoniert haben, sondern mittels modernem Pressing zum Erfolg kommen wollten, aber ob das Spiel mit offenem Visier im Abstiegskampf erfolgreich sein wird, darf zumindest angezweifelt werden. Es ist zu erwarten, dass die kommenden Gegner wieder deutlich defensiver agieren werden.

 

Volle Kraft voraus!

Das Abstiegsgespenst wurde mit 8 Punkten Vorsprung und dem deutlich besseren Torverhältnis einstweilen einmal vertrieben. Nächsten Samstag kann mit einem Heimsieg gegen SV Mattersburg auch Platz 7 abgesichert werden. Das entschuldigt zwar den blamablen Absturz in das Abstiegsplayoff immer noch nicht, noch besteht allerdings die Chance, dass der Verein mit einem blauen Auge aus der Saison herauskommt. Vielleicht sogar mit einem Titel. Die Mannschaft scheint es spät aber doch begriffen zu haben. Zumindest das sollten die Fans goutieren. Ein nicht einmal halbvolles Stadion macht keinen Spaß. Niemandem.

 

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