ÖFB-Cup: Mattersburg vs. Rapid Wien – die Match-Analyse

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A-Team statt B-Elf! War die kuriose Aufstellung in Salzburg wirklich notwendig? Rapid ist mit viel Euphorie in die Saison gestartet – was ist heute noch übrig? Was müsste besser werden?

 

SV Mattersburg – Rapid Wien – die Aufstellungen:

 

 

Mattersburg-Ersatz: Höller, Hart, Renner, Pusic, Perlak, Salaba, Varga

Rapid-Ersatz: Müldür, Martic, Dibon, Knoflach, Pavlovic, Kostic, Ivan

 

Rapid Wien: Zurück zum A-Team.

Nach der von vielen Fans und Experten kritisierten Aufstellung im Auswärtsmatch gegen Salzburg unterstreicht Trainer Goran Djuricin seine Aufstiegsambitionen mit der Nominierung fast sämtlicher Stammspieler in dieser Saison. Das ist durchaus erfreulich, da mögliche Titelchancen nach dem holprigen Meisterschaftsstart wohl auf den Cupbewerb beschränkt sind.

Gegenüber dem Europacupsieg gegen Spartak Moskau ersetzt Stephan Auer als rechter Außenverteidiger Mert Müldür und am linken Flügel Veton Berisha den Rumänen Andrei Ivan.

Nach 3 erfolgreichen Einsätzen bei Rapid II sitzt Christopher Dibon erstmals seit langer Zeit wieder auf der Ersatzbank.

Am üblichen 4-2-3-1 wird festgehalten.

 

Klaus Schmidt stellt trotz des Sieges in Graz um:

Nach den beiden teilweise unglücklichen Niederlagen gegen Rapids Erzrivalen aus Wien Favoriten und dem LASK konnten aus Graz bei Sturm überraschend 3 Punkte entführt werden.

Thorsten Mahrer ist rotgesperrt, ansonsten verzichtet der 50jährige Grazer vorerst auf Alois Höller, Florian Hart, René Renner und Neuzugang Martin Pusic. Stattdessen stehen Nedeljko Malic, Lukas Rath, Michael Lercher, Julius Ertlthaler und Marko Kvasina in der Startelf.

Offensiv lässt Klaus Schmidt sein Team in einem 3-4-3 agieren, wobei die vordersten 3 Spieler häufig die Positionen tauschen.

Defensiv wird es zu einer 5er-Abwehrkette mit 2 Sechsern davor.

 

Das Spiel:

Auch Klaus Schmidt dürfte Rapids letzte Spiele studiert haben. Vorne pressen Andreas Gruber, Julius Ertlthaler und Marko Kvasina unsere defensive Viererkette bei Ballbesitz an und unterbinden einen geregelten Spielaufbau. Da auch Dejan Ljubicic und Kapitän Stefan Schwab immer wieder gut zugestellt werden, enden zu viele Aufbauversuche mit Ballverlusten.

Defensiv bilden die Mattersburger, wie bereits erwähnt, eine 5er-Kette mit 2 defensiven Mittelfeldspielern davor. Und schalten bei Ballgewinn schnell um.

Gegen den Abwehrblock der Burgenländer fehlen Rapid zumeist die zündenden Ideen.

Mattersburg geht viel dynamischer und spritziger in die Zweikämpfe. Umgekehrt können teilweise 3 Rapidspieler einen Mattersburger nicht vom Ball trennen.

Das Passspiel ist bei Rapid mangelhaft. Entweder ist der Pass zu scharf und der Angespielte hat Mühe bei der Ballannahme oder der Pass ist zu schwach und wird so zur Beute der Mattersburger.

Vor allem über die starke linke Seite ist Mattersburg sehr gefährlich. Außenverteidiger Michael Lercher, Andreas Gruber und U21-Teamspieler Julius Ertlthaler bilden gute Dreiecke.

Während Trainer Goran Djuricin in der Verlängerung einen Defensivspieler durch einen anderen ersetzt und auf einen möglichen vierten Wechsel verzichtet, bringt Klaus Schmidt mit Alois Höller noch einmal Offensivpower ins Spiel.

 

Die wichtigsten Szenen des Spiels:

2. Minute: Chance für Rapid:
Nach einem schlechten Pass in der Mattersburger Verteidigung kommt Rapid tief in der gegnerischen Hälfte zu einem Einwurf. Veton Berisha spielt quer auf Christoph Knasmüllner, der den Ball auf Deni Alar durchsteckt. Aus leicht schrägem Winkel scheitert unsere Nummer 29 alleine vor und an Torhüter Markus Kuster.

5. Minute: Chance für Mattersburg:
Mario Sonnleitner verliert auf unserer rechten Abwehrseite das Laufduell gegen Julius Ertlthaler, den Stanglpass möchte Mateo Barac aus kurzer Distanz zu Torhüter Richard Strebinger klären, sein Abschlag trifft jedoch wiederum Mateo Barac und von ihm springt der Ball zurück in Strebingers Hand. Kein absichtlicher Rückpass sondern eine Slapstickeinlage.

16. Minute: Chance für Mattersburg:

Nach Ballgewinn geht es wieder einmal schnell über Mattersburgs linke Seite. Dieses Mal lässt sich Dejan Ljubicic relativ einfach von Andreas Gruber einpacken, bei seiner flachen Hereingabe kann Mateo Barac Marko Kvasina in höchster Not stören und Richard Strebinger klärt.

38. Minute: TOR für Rapid:

Nachdem über die rechte Angriffsseite nichts geht, verlagert Dejan Ljubicic den Ball überlegt nach links zu Marvin Potzmann. Der linke Außenverteidiger wird nicht unter Druck gesetzt und chippt den Ball hinter die an der Strafraumgrenze zu hoch stehenden Verteidiger Nedeljko Malic und Lukas Rath. Christoph Knasmüllner ist perfekt in das Loch gelaufen, stoppt den Ball mit der Brust, lässt ihn einmal aufkommen und schließt ihn technisch perfekt ins kurze Eck ab. 0:1.

45+2. Minute: TOR für Mattersburg:
Ein schlechter Ausschuss wird postwendend zurückgeköpfelt, Mario Sonnleitner verliert das Kopfballduell gegen Andreas Gruber patschert, der agile Julius Ertlthaler nutzt die freie Bahn und läuft in Rapids Strafraum. Stephan Auer ist zwar einen Moment ballnäher, lässt sich aber zu einem Tackling hinreißen, bei dem er Ball und Gegner spielt. Der Elfmeter ist knifflig, aber sicher keine Fehlentscheidung.

Marko Kvasina tritt an und jagt das Kunstleder mit Wucht ins linke Kreuzeck. 1:1.

48. Minute: Doppelchance für Rapid:
Nach einem Eckball von unserer rechten Seite landet der Ball über Umwege bei Nedeljko Malic, der den Ball im Zweikampf mit Mateo Barac ungewollt perfekt für Dejan Ljubicic abprallen lässt. Sein Halbvolley ist jedoch zu wenig platziert und kein Problem für Torhüter Markus Kuster. Nur wenige Sekunden später bringt Kapitän Stefan Schwab eine Flanke von Thomas Murg gefährlich auf das Tor – auch sein zweiter Versuch wird zur Beute von Markus Küster.

58. Minute: Chance für Mattersburg:
Stefan Schwab verliert den Ball in der Vorwärtsbewegung. Die Burgenländer verlagern ihren Angriff auf die rechte Seite und die Hereingabe setzt Marko Kvasina hinter die Rapidabwehr. Den Schuss von Julius Ertlthaler wird jedoch von Stephan Auers Rückenansicht in das Torout abgefälscht.

60. Minute: Chance für Rapid:
Nach einem Freistoß von Christoph Knasmüllner setzt Mateo Barac den Kopfball am langen Eck vorbei.

63. Minute: Chance für Mattersburg:
Stephan Auer setzt seinen Torhüter mit einer Rückgabe unter Druck, der Ausschuss von Torhüter Richard Strebinger geht vom Kopf des heranstürmenden Marko Kvasina ins Torout. Glück gehabt.

82. Minute: Chance für Mattersburg:
Julius Ertlthaler verlängert ein schönes Zuspiel in den Strafraum auf Martin Pusic – sein Abschluss geht aus aussichtsreicher Position über das Gehäuse der Grün-Weißen.

82. Minute: Chance für Rapid:
Im unmittelbaren Gegenzug entschärft Torhüter Markus Kuster einen Schussversuch von Thomas Murg ins kurze Eck.

119. Minute: Lattenschuss Rapid:
Marvin Potzmann erobert den Ball in der gegnerischen Hälfte und passt nach links zu Thomas Murg. Der gebürtige Voitsberger zieht von außerhalb des Strafraums ab, der Ball wird von Philipp Erhardt abgefälscht und droht hinter Torhüter Markus Kuster ins Tor zu gehen. In letzter Not kann der Mattersburger Torwart den Ball via Latte zurück ins Spiel bringen. Das wäre die Entscheidung gewesen.

Elfmeterschießen:
Nachdem Thomas Murg mit einem schlecht geschossenen Elfmeter beinahe für die Entscheidung zugunsten Mattersburg gesorgt hätte, hält Daniel Kerschbaumer Rapid mit seinem Versuch an die Latte am Leben. Dejan Ljubicic legt für Rapid vor und Richard Strebinger wehrt den Elfmeter von Lukas Rath zur Entscheidung ab – Rapid Wien ist mit Bauchweh eine Runde weiter!

 

Was war gut?

Der Aufstieg ist – hart umkämpft – gelungen.

Die Chance von Deni Alar nach wenigen Sekunden und das Tor waren sehr schön herausgespielt.

Mit dem Cupsieg wäre Rapid Wien in der nächsten Saison fix für die Europa League qualifiziert und könnte zu erwartende Fixeinnahmen in die Transferaktivitäten miteinbeziehen.

 

Was war nicht gut?

Wiederum entwickelt ein gegnerischer Trainer einen Plan und der grün-weiße Trainerstaff weiß keine Antwort auf die Herausforderung.

Wiederum wird Rapid im Spielaufbau durch einfachstes Pressing vor unlösbare Aufgaben gestellt.

Wiederum bringt Rapid nach Ballgewinn kein effektives Umschaltspiel zustande.

Wiederum vermag das Trainerteam im Spiel keine Akzente zu setzen.

 

Fazit und Ausblick?

Im Cup zählt primär der Aufstieg. Und der ist geglückt. Ob das viel Ruhe in den Verein bringt, darf bezweifelt werden. Wie die „Gogo raus“-Rufe aus dem Fanblock nach dem Aufstieg zeigen.

Ob Goran Djuricin während dieser Rufe, wem auch immer, den Vogel oder den Mittelfinger gezeigt hat, oder ob er bloß seine Glatze kämmen wollte, bleibt wohl sein Geheimnis. Auch das wird nicht zur Deeskalation beitragen, sollte aber nicht weiter relevant sein.

Nach dem müden Auftritt gegen Mattersburg muss die Frage erlaubt sein: Für diese Leistung mussten wir das Schlagerspiel in Salzburg opfern?

Zumal die Mattersburger auch so giftiger und spritziger in den Zweikämpfen waren. Wenn Rapid die Mattersburger überzeugend vom Platz schießt, okay. Aber diese Leistung lässt keine Besserung für die nächsten Spiele erhoffen.

 

Was hat sich seit dem überzeugenden 3:0 in der ersten Meisterschaftsrunde gegen Admira Wacker geändert?

WAC-Trainer Christian Ilzer hat gezeigt, wie man den Spielaufbau von Rapid Wien stören muss. Es reichen vorne 3 extrem aggressive Pressingspieler und schon reißt beim Rekordmeister der Spielfaden. Dejan Ljubicic ist kein defensiver Spielmacher, Stefan Schwab versucht die Verantwortung zu übernehmen, zerreißt sich aber zu viel.

Wird die erste Pressingreihe überwunden, fehlt es oft an Präzision und vor allem am Tempo, um etwaige unsortierte Abwehrreihen durcheinander wirbeln zu können. Teilweise erinnert es an ein Handballmatch, wo der Ball von der einen Seite zur anderen und wieder zurück gepasst wird, aber das spielentscheidende Loch nicht gefunden wird. Respektive es einfach gar nicht gibt, da der Gegner mit einer Armada an Defensivspielern einen Abwehrkokon bildet und auf Fehler wartet, um dann selbst nach Ballgewinn schnell umschalten zu können.

Mit Marvin Potzmann und Boli Bolingoli haben wir 2 Topleute für die rechte und linke Außenverteidigerposition. Rücken beide in der Vorwärtsbewegung an der Grundlinie bis zum gegnerischen Strafraum vor, können die nominellen Flügelspieler – idealiter Andrei Ivan und Thomas Murg – ins Halbfeld ziehen und gemeinsam mit Christoph Knasmüllner Überzahlsituationen erzeugen. Das ist für den Gegner sehr unangenehm zu verteidigen.
Fällt einer aus, hapert es an der Umsetzung. Stephan Auer und Mert Müldür fehlt es an der nötigen Offensivpower. Und ohne Unterstützung verhungern die Flügel regelrecht.

Goran Djuricin setzt in der Offensive auf ein fluides System, wo die Spieler ihre Positionen problemlos tauschen können. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden. Der Stürmer sollte aber Stürmer sein und den Fokus auf das Tore schießen richten. Am besten dort, wo es auch etwas zu erben gibt.

 

Rapid Wien hantelt sich mit Goran Djuricin von Endspiel zu Endspiel. Das steigert das Selbstvertrauen der Spieler nicht wirklich. Es bedarf einer Entscheidung. Entweder der Sportdirektor Fredy Bickel entbindet Goran Djuricin seiner Aufgaben oder es gibt einen allgemeinen Schulterschluss. So weiterwurschteln wird nicht lange gut gehen.

 

Spielerbewertung:

Richard Strebinger:
Als Torhüter ist er großartig, spielerisch hat er grobe Mängel offenbart. Nicht zum ersten Mal. Seine Ausschüsse könnten allgemein besser sein und gegen Mattersburg hätten nach seinen Schlampereien gut und gerne 2 Tore fallen können. Den entscheidenden Elfmeter hat er jedoch abgewehrt.

Mateo Barac:
Immer noch zu oft ein Unsicherheitsfaktor. Nachdem Christopher Dibon erstmals wieder auf der Ersatzbank gesessen ist, steigt die Konkurrenz.

Mario Sonnleitner:
Eine fehlerhafte Leistung des Routiniers. Hat sich einmal im Laufduell mit Julius Ertlthaler düpieren lassen und vor dem Elfmeter das Kopfballduell gegen Andreas Gruber komplett versemmelt. Trotzdem mit vielen starken Aktionen und eine Vertragsverlängerung sollte nur eine Frage der Zeit sein.

Stephan Auer:
Beim Elfmeterfoul hat er Pech gehabt. Ein weniger ungestümes Attackieren wäre aber auch kein Fehler gewesen. Offensiv versucht er sich deutlich mehr als Mert Müdür einzubringen, der Output bleibt aber bescheiden.

Marvin Potzmann:
Defensiv stark und mit dem großartigen Assist zur zwischenzeitlichen Führung. In der zweiten Halbzeit hat die Chemie mit Andrei Ivan gefehlt.

Dejan Ljubicic:
Schwierig. Er ist kein defensiver Spielmacher. Macht aber auch keine groben Fehler. Pomadig, würden unsere deutschen Nachbarn sagen. Er muss im Spielaufbau eine starke Komponente werden, Bälle schnell verarbeiten und verteilen können.

Stefan Schwab:
Auch unser Kapitän hadert mit der Schwäche im Spielaufbau. Er zerreißt sich und versucht überall am Spielfeld anspielbar zu sein, verliert aber dadurch seine Stärken in der Offensive.

Thomas Murg:
Wiederum alleine auf weiter Flur. Ich freue mich für ihn, wenn das erste Mal wieder Boli Bolingoli fit ist und er als rechten Außenverteidiger Marvin Potzmann hinter sich hat. Pech beim Lattenschuss, aber das kennt er ja bereits. Glück, dass sein grottenschlechter Elfmeter keine Auswirkung hatte.

Veton Berisha:
Nach jedem Match festzuhalten, dass er technisch zu schwach ist, bedarf es nicht. Ansonsten vermag er sich allerdings durch Einsatz und Laufbereitschaft in Szene zu setzen. Das ist ihm jedoch in diesem Spiel nicht geglückt, weswegen seine Auswechslung zur Pause die richtige Entscheidung war.

Christoph Knasmüllner:
In der zweiten Minute die tolle Chance von Deni Alar perfekt vorbereitet und in der 38. Minute die Führung für Rapid Wien erzielt. Zu oft auf Tauchstation. Er kann mehr.

Deni Alar:
Von der vergebenen Chance nach wenigen Sekunden hat er sich nicht erholt. Nach der Einwechslung von Andrija Pavlovic als Hybrid zwischen 9er und 10er. Aber wie auch bei Andrija Pavlovic in den zugedachten Aufgaben zu wenig konkret. Da spielt dann etwa ein Andrei Ivan perfekt auf und beide Stürmer sind irgendwo.

Andrei Ivan:

Hat nach seiner Einwechslung für sehr viel Schwung über die linke Seite gesorgt und wurde vor allem von Stefan Schwab oft gesucht und angespielt. Mit Fortdauer des Spiels und ausbleibendem Erfolg hat er nachgelassen und sich immer wieder Mätzchen gewidmet.

Andrija Pavlovic:
Dritte Einwechslung und wieder ohne nennenswerte Offensivaktion. Ihm fehlt noch die Bindung zur Mannschaft.

Mert Müldür:
Sekunden nach seiner Einwechslung mit einem gefährlichen Kopfball aus einem Eckball.

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