Steffen Hofmann – Was macht ihn zum Fußballgott?

Steffen Hofmann, , Weststadion, Vanderals

Wenn Stadionsprecher Andy Marek bei der Mannschaftsaufstellung mit einem ehrfürchtigen Ritardando den Rapidspieler mit der Nummer 11 ankündigt und zum Stimmungsaufbau nach einigen Sekunden Pause „Steffen“ ins Mikrofon brüllt, folgt nahezu kollektiv von den Rapidfans im Stadion ein als liturgisches Responsorium intoniertes „Hofmann Fußballgott!!!“

Mit dem Abpfiff des Spiels „SK Rapid gg Steffen Hofmann & Friends“, endete im Juli die Ära von Steffen Hofmann und somit eine der schillerndsten Spielerkarrieren in der Geschichte des SK Rapid.

Der von den Fans seit Jahren zum „Fußballgott“ geadelte Mittelfeldspieler hat die Geschichte unseres Vereins seit dem Jahr 2002 wie kein anderer entscheidend mitgeprägt.

Doch wie kam es zur Entwicklung eines Spielers, der es bei Bayern München zu 1 Minute Einsatzzeit gebracht hat und von einem der erfolglosesten Trainer in der Rapidgeschichte geholt wurde, zum Fußballgott und absoluten Publikumsliebling? Der Versuch einer persönlichen Analyse.

 

Berühmte Rapidler und ihre Spitznamen:

Ob aufgrund besonderer Leistungen oder körperlicher Eigenschaften – Hans Krankl wurde von den Barcelonafans zum „Goleador“ ernannt, Pepi Uridil war der „Tank“, Christian Stumpf erwarb sich den Spitznamen „Büffel“, Stefan Kulovits wurde zur „Kampfgelse“, Gerhard Hanappi war der „Gschropp“, Robert Körner der „Gselchte“, Walter Zeman aufgrund seiner Leistungen im Nationalteam der „Tiger von Budapest“ oder der „Panther von Glasgow“ und Ernst Happel vereinte mit „Zauberer“, Aschyl“ und Wödmasta“ gleich 3 Spitznamen und Ehrerbietungen auf sich.

 

Was macht Steffen Hofmann nun zum Fußballgott?

Steffen wurde mit Rapid zweimal Meister, hat mit 540 die meisten Pflichtspiele absolviert, 128 Tore geschossen, sagenhafte 208 Torvorlagen geliefert, ist unser Rekordeuropacupspieler und -torschütze und hat es als Mittelfeldspieler in der österreichischen Bundesliga zum Torschützenkönig gebracht – beeindruckend!

Reicht das tatsächlich für den Titel Fußballgott?

Die errungenen Titel können es nicht sein, denn da ist leider auch wohl für seine eigenen Ansprüche deutlich zu wenig auf der Habenseite und das regelmäßige Erreichen einer Europa League sollte für einen Verein wie Rapid Pflicht sein.

Berühmte Rapidler vergangener Zeiten waren deutlich erfolgreicher als Steffen – Ernst Happel gewann mit Rapid 1951 den Zentropacup und somit unseren letzten internationalen Titel, war 6x Meister, 1x Cupsieger und bei 51 Länderspielen auch Teil der legendären WM-Mannschaft von 1954 mit dem 3. Platz.

Gerhard Hanappi war ebenso Zentropacupsieger, sogar 7x Meister, 1x Cupsieger und kam auf 93 Länderspiele – inklusive dem 3. Platz 1954 – und war ebenso wie Uridil, Binder, Dienst, Körner oder Krankl ein internationaler Star – das trifft auf Steffen, bei allem nötigen Respekt, nicht zu.

Trotzdem wurden nicht andere, sondern ER zum grün-weißen Fußballgott!

Nach dem zweiten Meistertitel avancierte Steffen zum Fußballgott und hat trotz einer nun zehnjährigen Phase ohne Titel nichts von seinem Status eingebüßt. Ganz im Gegenteil, wie sein Abschiedsspiel zeigt. Und bei seinem letzten Spiel in Graz wurde er von den Sturmfans mit einem eigens angefertigten Spruchband und den Worten: „Trotz allem: Zum Abschied Respekt für Steffen Hofmann!“ bedacht – eine Geste der Anerkennung für den Spieler einer gegnerischen Mannschaft, die äußerst selten zu finden ist.

Meines Erachtens basiert seine Popularität und sein Status als Fußballgott auf 3 Komponenten:

1.) Magie.

2.) Vorbild durch die Verkörperung des Leitbildes des SK Rapid Wien und seiner darin hochgehaltenen Werte.

3.) Eine Antithese zu den Entwicklungen im modernen Fußball.

 

1) Magischer Fußballgott?:

Müsste ich wissenschaftlich arbeiten, würde ich mich auf Branislav Malinowski beziehen, demzufolge: „Die Funktion der Magie ist, den Optimismus des Menschen zu ritualisieren, seinen Glauben an den Sieg der Hoffnung über die Angst zu stärken“.

Klingt theoretisch, kommt aber hin.

Erst hofft man und dann folgt die Erlösung.

Besser verständlich wird es jedoch, wenn man sich kurz zurücklehnt und sich auf seine eigenen Erfahrungen rückbesinnt und an die miterlebten magischen Momente im Fußball erinnert.

Das „Dosenschießen“ am Ostersonntag 2008 in Salzburg? Ich war beim 7:0 auswärts im Stadion dabei, bekomme heute noch eine Gänsehaut und habe die damals empfundene Euphorie bis heute verinnerlicht. Alleine die erste Halbzeit habe ich seither noch etliche Male im Internet nebenbei laufen lassen. Wohlfühloase erzeugen und so.

Das Wunder von Kazan? Habe ich nur im Fernsehen gesehen, aber ich weiß noch wo. Ein unfasslich geiles Spiel mit 2 Toren von Steffen.

2009? Aston Villa eliminiert. 2010 sicherheitshalber gleich noch einmal. Nach heroischen Europacupschlachten. Verzeiht mir bitte meine martialische Ausdrucksweise.

Erinnert ihr euch noch an das Heimspiel gegen PAOK 2012?

In der Nachspielzeit bekommt unser Fußballgott in der eigenen Hälfte den Ball und schiebt ihn Richtung leeres griechisches Tor. Der Ball war so gefühlt langsam, dass ich schon runter laufen wollte, um noch einmal anzutauchen, aber letztendlich ist er reingegangen und wir sind abermals in die Europa League aufgestiegen. Gänsehaut!

Und diese magischen Momente gab es in den letzten 16 Jahren zuhauf – und viele davon verdanken wir unserem Fußballgott!

 

2) Das Vorbild des Leitbilds:

Dionys Schönecker gilt als Vater des legendären Rapidgeists und hat Rapid Gemeinschaftssinn, Kampfkraft und Siegeswillen eingeimpft und so steht auch im Leitbild des SK Rapid:

Seit jeher erkämpfen wir uns mit vollem Einsatz den Erfolg und geben nie auf. Die Rapid-Viertelstunde ist Ausdruck unseres immerwährenden Siegeswillens.

Wir treten mutig und selbstbewusst auf. Als Team sind wir angriffslustig, dynamisch und wählen stets den direkten Weg zum Ziel. Unsere Gegner behandeln wir hart, aber fair und mit Respekt.

In guten wie in schlechten Zeiten leben wir unsere Leidenschaft und sind stolz, uneigennützig zum Ruhm Rapids beizutragen.“

Ich wollte diesen aus unserem Leitbild zitierten Text schon kürzen, aber ich denke, dass er einfach zu wichtig ist – auch wenn uns vieles davon bekannt vorkommt.

In der 28jährigen Ära Schönecker hat Rapid 12 Meistertitel, 3 Cupsiege und 1 Mitropacupsieg geholt. Auch durch den Rapidgeist.

In den letzten 16 Jahren hat Steffen Hofmann diese Eigenschaften in seine Spielweise und sein Auftreten am und außerhalb des Fußballplatzes integriert und authentisch gelebt. Es mag pathetisch klingen, aber Steffen Hofmann wurde von dem von Dionys Schönecker geprägten Rapidgeist inspiriert und hat das bei jedem Spiel weitergegeben. Dass nicht mehr Titel herausgekommen sind, kann man natürlich nicht von der Hand weisen, ist aber wohl anderen Faktoren geschuldet.

Mit den Mäzenen Stronach und Mateschitz hatten und haben wir einerseits Konkurrenz mit finanziell uneingeschränkten Mitteln und viel zu oft wurden in der Vergangenheit wichtige Spieler verkauft und leider nur unzureichend nachbesetzt. Wäre es unserem Kapitän rein um Titel in seiner Karriere gegangen – der Brausekonzern, Standort Salzburg, hätte ihn gewiss mit Handkuss genommen und Steffen hätte heute eine reichlich mit Titel geschmückte Visitenkarte. Aber er hat sich für Rapid entschieden.

 

3) Gegen den modernen Fußball?

Die Kritik am „Modernen Fußball“ ist wohl so alt wie der Fußball selbst und wird gegenüber Neuerungen im Fußball von Generation zu Generation weitergegeben. Es ist wichtig zwischen ernsthafter Kritik an fehlerhaften Entwicklungen durch (zumeist) organisierte Fans und einem allgemeinen: „Früher war alles besser“ zu unterscheiden.

Spiele werden zu Events, Stadien zu nach Konzernen benannten Arenen, der Fußballtag wird von Freitag bis Montag aufgesplittet, wodurch Auswärtsfahrten immer schwieriger werden, der Fan wird zum hochpreisig zahlenden Kunden und der ehemalige Volkssport Fußball komplett durchkommerzialisiert.

Vereinsfarben, Vereinsnamen und Wappen werden ökonomischen und marketingtechnischen Interessen untergeordnet.

Fankurven werden wegen ihrer hübschen Choreographien und der tollen Stimmung geduldet, Kritik von ihrer Seite ist unerwünscht und wird oftmals pauschal kriminalisiert.

Seit dem Bosmann-Urteil im Jahr 1995 hat sich der Fußball massiv verändert. Zudem sind in den großen Ligen die Fernsehgelder ins schier Unermessliche gestiegen, wodurch die Kluft zwischen arm und reich wächst und wächst. Das hat zur Folge, dass auch die Ablösen für Spieler und deren Gehälter weiter und weiter höher werden. Die 222 Millionen Euro für den Spieler Neymar sind wohl nur vorerst das Ende einer zweifelhaften Entwicklung. Die hochdotierten Spieler genießen mittlerweile den Status von Popstars und schwelgen in Luxus und Extravaganz. Einzig die Verträge mit den Vereinen scheinen für viele Spielermanager und Spieler noch ärgerlich zu sein. Aber nach dem unterschriebenen Vertrag ist vor dem unterschriebenen Vertrag – höheres Gehalt und Handgeld inklusive. Nach dem ersten Spiel das Vereinsemblem am Trikot küssen und schon ist alles gut.

Ist Steffen Hofmann die personifizierte Antithese zu diesen Entwicklungen?

Gewiss nicht bewusst. Vermutlich weiß er das gar nicht. Wozu auch?

Klar, er war über viele Jahre der Rapidspieler mit dem höchsten Salär, aber dies wurde ihm von den Fans nie geneidet.

16 Saisonen in einer mittelklassigen Liga, wie es die österreichische Bundesliga im europäischen Fußball darstellt, ist – bezugnehmend auf Steffens Klasse – sehr selten und ungewöhnlich. Bis auf einen halbjährigen Ausflug zu 1860 München ist er bei Rapid Wien geblieben und steht für absolute Vereinstreue und dies wird dementsprechend honoriert. In einer Liga, die sich selbst immer mehr als Ausbildungsliga wahrnimmt und wo mittlerweile sogar Wechsel in die zweite Leistungsstufe einer der großen Ligen als Erfolge verkauft werden, ist das bemerkenswert.

Sein Engagement bei sozialen Projekten – teils durch den Beitrag finanzieller Mittel, teils durch seine aktive Teilnahme – ist beispiellos und wirkt nicht wie eine Marketingstrategie.

Er geriert sich auch nicht als Popstar mit teuren Autos, Supermodels und Diamantstickern in den Ohren, sondern ist er selbst und bodenständig geblieben.

Der grünweiße Fußballgott braucht keine Starallüren – er hat eine Jahreskarte und fährt zum Training mit der U-Bahn.

 

Fazit: Steffen Hofmann: Der vermen//schlichte Fußballgott?

Steffen Hofmann hat stets polarisiert – von den eigenen Fans wird er abgöttisch verehrt und von den gegnerischen Fans gefürchtet, aber respektiert. Wie die Sturmfans beeindruckend gezeigt haben.

Auch wenn die ganz großen Vereinserfolge ausgeblieben sind, hat er in den letzten 16 Jahren für viele magische Momente gesorgt, lebt das Leitbild legendärer Rapidgrößen und steht für Werte, die wir im modernen Fußball schmerzlich vermissen– Steffen Hofmann ist Fußballgott und einfach nur Mensch zugleich. Und dafür hat er meinen Dank!

 

Statistik:

Beschreibt man Steffen Hofmanns Fußballkarriere bei Rapid muss man zwangsläufig Superlativen strapazieren:

540 Pflichtspiele – Rekord!

434 Meisterschaftsspiele – Platz 2 hinter Peter Schöttel.

208 Torvorlagen – ob er hier Rekordhalter ist, lässt sich aufgrund fehlender Daten aus der Vergangenheit nur mutmaßen.

128 Tore in Bewerbsspielen – Platz 16 seit 1911.

98 Tore in Meisterschaftsspielen – Platz 14 seit 1911.

74 Europacupspiele – Rekord!

25 Europacuptore – Rekord!

13 Jahre Rapidkapitän – nur von Rigo Kuthan (1911 – 1925) überboten.

2 Meistertitel – 2005 und 2008.

1 Torschützenkönig – als erster Mittelfeldspieler Rapids! 20 Tore in der Saison 2009/2010.

Dazu noch eine Teilnahme an der Champions League, 6 Teilnahmen an der Europa League und mehrere Auszeichnungen zum Spieler des Jahres.

 

Magische Momente:

– 2004: das Wunder von Kazan mit 2 Toren von Steffen Hofmann.

– 2005: Assist zum 1:0 in Moskau und Aufstieg in die Champions League.

– 2007: 5:2 gegen Ried. 5 Assists in einem Spiel von unserem Kapitän.

– 2007: 2:0 gegen den LASK. Empty-Net-Goal aus großer Distanz in der Nachspielzeit.

– 2008: 7:0 in Salzburg und damit Grundstein für den Meistertitel – 1 Tor von unserem Fußballgott.

– 2009: 1:0 gegen Liverpool zum 110jährigen Jubiläum: Tor SHFG!

– 2009: Aston Villa: Erstes Aufsteigen gegen eine englische Mannschaft.

– 2009: 3:0 im Auftakt der Europa League gegen den HSV – 1 Tor von „Steff“.

– 2010: 2:1 gegen Salzburg. Siegtreffer durch einen Freistoß in der Nachspielzeit.

– 2012: 3:0 gegen PAOK Saloniki. Empty-Net-Goal in der Nachspielzeit aus der eigenen Hälfte.

– 2015: 5:2 auswärts im Derby. 1 Tor nach einem Sprint über das ganze Feld.

– 2015: 2:2 gegen Shakhtar Donezk. 1 Tor aus einem Freistoß, leider letztendlich ganz knapp an der Sensation gescheitert.

– 2018: 4:1 gegen Altach. Steffens 128. Treffer für den Rekordmeister SK Rapid Wien in seinem letzten Bundesligaspiel!

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