Rapid Wien in der Krise – eine Spurensuche – Teil 1

Rapid Wien im Check

Der SK Rapid Wien befindet sich in einer veritablen Krise. 14 Meisterschaftsspiele ist die Saison 2018/19 alt und der Rekordmeister dümpelt auf Platz 8 der heimischen Bundesliga. 22 Punkte hinter Ligakrösus RB Salzburg und 7 Punkte vor dem Tabellenletzten Admira Wacker. 2 Zähler fehlen auf Platz 6 und die damit verbundene Qualifikation für das Meisterplayoff. Das Verpassen wäre für Rapid der Super-GAU und durch die Halbierung der Punkte nach dem Grunddurchgang würde der Vorsprung auf den Abstiegsplatz auf 3 Punkte schmelzen.

 

Eine Saison in Abstiegsangst hatten die Hütteldorfer erst vor 2 Spielzeiten – und da lagen bei allen die Nerven blank. Erst Trainer Gogo Djuricin konnte die angeschlagene Mannschaft halbwegs stabilisieren und noch auf Platz 5 und in das Cupfinale führen. Dennoch konnte sich der Trainer bei den Fans keinen Kredit erarbeiten.

In der Saison 2017/18 wurde zwar mit Platz 3 die Vorgabe des Vereins erfüllt und das Cuphalbfinale erst nach einem tollen Schlagabtausch gegen den späteren Sieger Sturm Graz verloren, eine spielerische Weiterentwicklung der Mannschaft fand nur kaum wahrnehmbar statt. Wenn überhaupt.

Heuer sollte alles besser werden. Trotz der mühsamen, aber dennoch erfolgreichen Qualifikation für die Europa League und zwei überstandener Cuprunden war in der neunten Meisterschaftsrunde nach der Heimpleite gegen SKN St. Pölten für Gogo Djuricin Schluss.

Mit Didi Kühbauer wurde nicht nur eine Rapidlegende, sondern auch ausgerechnet der Gegner von Gogos letztem Rapidspiel als neuer Trainer verpflichtet. Sein Status bei den Rapidfans mag mitentscheidend gewesen sein, seine ausgezeichnete Arbeit in der niederösterreichischen Landeshauptstadt lässt sich nicht wegdiskutieren.

Das Debüt auf der Trainerbank ging in Glasgow verloren. Gegen keine Übermannschaft, aber die Spieler der Rangers haben um jeden Zentimeter gekämpft und verdient gewonnen. Die schnelle Führung im Heimspiel gegen SV Mattersburg wurde zwar über die Distanz gebracht, war aber auch kein Ruhmesblatt. In Hartberg und Villarreal schlitterten die Wiener in Debakel, gegen Schlusslicht Admira Wacker durfte Innenverteidiger Mario Sonnleitner seine ungeahnten Torjägerqualitäten unter Beweis stellen und im Cup wurde der WAC auswärts besiegt. Dem vermeintlichen Aufschwung wurde in Altach ein Dämpfer verpasst und abermals im Lavanttal ein unrühmliches Ende bereitet. Auch wenn es in beiden Spielen unglückliche Schiedsrichterentscheidungen gegen die Hütteldorfer gab – ein aberkanntes reguläres Tor und eine Elfmeterentscheidung außerhalb des Strafraums – war die Leistung in beiden Spielen viel zu schwach. Der Rekordmeister hat seine Krise nicht nur prolongiert, sondern auch verschärft. Es warten nun 8 Endspiele.

 

Wer hat Schuld an der Krise?

Wie so häufig bei sportlichen Talfahrten wurde als Hauptverantwortlicher einer Krise der Trainer ausgemacht. Und tatsächlich waren einige Aktionen des ehemaligen Rapidtrainers – gelinde gesagt – unglücklich. Eine Weiterentwicklung der Mannschaft war nicht zu erkennen. Mit den Gründen seiner Ablöse haben wir uns bereits auseinandergesetzt – nachzulesen HIER.

Auch der Vertrag mit Co-Trainer Martin Bernhard wurde aufgelöst. Und für den Fitnesszustand der Mannschaft ist nicht mehr Toni Beretzki sondern wieder Alexander Steinbichler verantwortlich.

Bislang waren die Veränderungen wenig befruchtend. Die sieben Punkte in der Meisterschaft wurden gegen Teams geholt, die ohnehin in der Tabelle hinter Rapid liegen und bis zur Winterpause folgen nun LASK (h), Spartak Moskau (a), Wacker Innsbruck (a), Sturm Graz (h), Glasgow Rangers (h) und das Derby (a).

Sollte der sportliche Umschwung in diesen Spielen nicht gelingen, wird der Druck auf die Verantwortlichen steigen. Der Vertrag von Sportdirektor Fredy Bickel läuft mit Ende der Saison aus – auch wenn es erfreulich ist, dass das Scouting von Rapid Wien nicht bereits in Maria Enzersdorf endet – seine Sommertransfers haben (noch) nicht eingeschlagen. Kritik an seiner Arbeit wird merkbar lauter.

Präsident Michael Krammer ringt offenbar mit sich, ob er für eine weitere Amtszeit kandidieren möchte, völlig unumstritten ist er mangels sportlichen Erfolgs des Rekordmeisters auch nicht mehr.

Und etwas bizarr wirkt es, wenn der Geschäftsführer Wirtschaft die finanzielle Entwicklung des Vereins feiert, während sportlich eine Krise die nächste jagt.

Die letzten „Alle schuldig, alle raus“-Plakate gab es 2013 – es scheint derzeit nicht viel zu fehlen, bis sich die Fans nicht mehr nur mit dem Kopf von Gogo Djuricin zufrieden geben.

 

Ursachen:

Talent wird der Mannschaft beschieden. Potential ist vorhanden. Sowohl bei den alteingesessenen Spielern als auch bei den Neuzugängen. Entfalten konnten es die Rapidspieler in dieser Saison jedoch viel zu selten.

Fehlende Mentalität, schlechte Einstellung, kein Sieger-Gen, zu wenig Biss, unzureichende Körpersprache, mangelnder Rapidgeist, verloren gegangenes Selbstvertrauen – egal wie man es nennen möchte, den Rapidspielern wird häufig ein Kopfproblem attestiert. Wir erinnern uns an die Aussage von Fredy Bickel: „Diese Mannschaft ist extrem: Bei großem Lob wie nach dem starken Start neigt sie zur Überheblichkeit, bei harter Kritik ist der Hang zur Depression groß“.

Auch konditionelle Defizite oder eine falsche Trainingssteuerung werden regelmäßig ins Treffen geführt. Der Wechsel von Toni Beretzki zu Alexander Steinbichler ist ein Indiz dafür.

 

Statistik:

Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.“ dieses Zitat wird Sir Winston Churchill gerne zugeschrieben, stammt aber wohl nicht von ihm. So weit wollen wir auch gar nicht gehen. Dennoch sind Statistiken für eine Analyse unabdingbar. Zumal sich „Kopfprobleme“ kaum messen lassen. Klar ist aber auch, dass sich einzelne Spiele nicht immer über Statistiken lesen lassen. Eine Mannschaft kann in allen Belangen drückend überlegen sein, aber dennoch verlieren – kennt jeder Fußballfan.

Über einen längeren Zeitraum lassen sich jedoch aus Statistiken Tendenzen erkennen und genau da möchte Grünaufweiß ansetzen. Wir werden in den nächsten Tagen einige Statistiken beleuchten und interpretieren. Und hoffen auf eine angeregte Diskussion.

 

Teil 1:

Rapid Wien war österreichischer Meister 2017/18!

 

Das ist kein Witz. Allerdings nur nach den ersten 45 Minuten. Mit 67 Punkten noch 2 Zähler vor RB Salzburg und dem Torverhältnis 32:12. Was auch immer Trainer Goran Djuricin in der Halbzeit besprochen oder den Spielern in den Pausentee gemixt hat – es ist ihnen nicht bekommen. Nimmt man nur die zweiten 45 Minuten spuckt die Tabelle Rapid Wien auf Platz 5 aus – mit 48 Punkten, 36 Tore geschossen und gleich 31 erhalten:

 

2017/18                    
1. Halbzeit: Punkte: Torverhältnis:   2. Halbzeit: Punkte: Torverhältnis:   Gesamttabelle: Punkte: Torverhältnis:
Rapid Wien 67 32:12   RBS 76 50:18   RBS 83 81:29
RBS 65 31:11   LASK 63 31:17   Sturm Graz 70 68:45
Sturm Graz 60 35:24   Sturm Graz 62 33:21   Rapid Wien 62 68:43
Austria 46 21:21   Mattersburg 51 32:28   LASK 57 49:41
Altach 42 15:17   Rapid Wien 48 36:31   Admira Wacker 51 59:66
Admira Wacker 39 26:30   Austria 46 30:34   Mattersburg 46 50:56
Mattersburg 39 18:28   Admira Wacker 44 33:36   Austria 43 51:55
LASK 36 18:24   WAC 36 22:34   Altach 38 35:51
SKN St. Pölten 34 14:29   Altach 34 20:34   WAC 33 31:57
WAC 29 9:23   SKN St. Pölten 27 14:48   SKN St. Pölten 20 28:77

 

Dies hat sich auch in den ersten 14 Runden der neuen Saison fortgesetzt. Zur Halbzeit befinden sich die Hütteldorfer auf Rang 3 – ex aequo mit RB Salzburg und SKN St. Pölten. In den zweiten 45 Minuten fällt der Absturz allerdings noch deutlicher aus – Rang 11 und nur um ein Tor besser als Schlusslicht Admira Wacker. Während RB Salzburg in der zweiten Halbzeit 14 Punkte gewonnen hat und an der Tabellenspitze einsame Kreise zieht, ist Rapid Wien nach der Pause von 24 auf 16 Punkte gefallen. Ein dramatischer Absturz:

 

2018/19                    
1. Halbzeit: Punkte: Torverhältnis:   2. Halbzeit: Punkte: Torverhältnis:   Aktuelle Tabelle: Punkte: Torverhältnis:
RBS 24 12:5   RBS 31 22:8   RBS 38 34:13
SKN St. Pölten 24 9:4   LASK 27 16:7   LASK 26 24:13
Rapid Wien 24 10:6   Altach 22 13:9   WAC 24 26:19
LASK 23 8:6   WAC 21 16:11   SKN St. Pölten 23 18:12
Sturm Graz 22 9:6   SKN St. Pölten 21 9:8   Hartberg 21 23:22
WAC 18 10:8   Austria 20 8:10   Austria 18 13:16
Hartberg 16 9:8   Hartberg 19 14:14   Sturm Graz 16 16:19
Wacker Innsbruck 16 6:7   Mattersburg 16 12:17   Rapid Wien 16 15:18
Austria 14 5:6   Wacker Innsbruck 13 9:14   Wacker Innsbruck 15 15:21
Mattersburg 12 4:10   Sturm Graz 11 7:13   Mattersburg 14 16:27
Admira Wacker 9 3:12   Rapid Wien 11 5:12   SCR Altach 11 19:22
Altach 8 6:13   Admira Wacker 11 9:17   Admira Wacker 9 12:29

 

Gegen SCR Altach wären in 2 Spielen 6 Punkte eingeplant gewesen und zur Pause war Rapid Wien auf Kurs. Trotzdem gab es für die Hütteldorfer letztendlich nur 2 Punkte, denn die streitbaren Vorarlberger haben in 2 Spielen gleich 3 Rapidführungen ausgeglichen. Auch der WAC hat den Pausenrückstand im Heimspiel nicht nur egalisiert, sondern in den Schlussminuten komplett gedreht. Nullnummern im Heimderby und beim LASK gingen verloren. Einzig in Graz konnte der Rekordmeister einen Pausenrückstand noch in ein Remis umwandeln.

Ein Trainereffekt lässt sich noch nicht ausmachen. Gogo Djuricin hat in den ersten 9 Runden bis zur Pause 12 Punkte mit einem Torverhältnis 5:3 geholt. Für exakt das selbe Ergebnis hat Didi Kühbauer 5 Runden gebraucht. Allerdings ist beim Jahrhundertrapidler der Absturz nach der Pause schlimmer – gleich 5 Punkte wurden in Altach und Wolfsberg eingebüßt. In beiden Spielen wurde die knappe Pausenführung bereits wenige Minuten (SCR Altach) oder Sekunden (WAC) nach dem Wiederanpfiff von den Heimteams egalisiert.

 

Fazit:

Rapid Wien wäre nach den ersten 45 Minuten ein Meisterkandidat. In den zweiten 45 Minuten können Halbzeitführungen zu selten gehalten oder sogar ausgebaut, Unentschieden nicht in einen Sieg verwandelt und Rückstände nicht gedreht werden. Diese Entwicklung begleitet den Rekordmeister nun schon seit mehr als einem Jahr.

Wie sind diese zwei Gesichter Rapids zu erklären? Hat die Mannschaft zwei gegensätzliche Persönlichkeiten? Liegt der Rückfall tatsächlich an der Mentalität? Oder geht der Mannschaft die Kondition aus? Sind die Spieler zu unkonzentriert für 90 Minuten? Was kommt von der Bank? Ist die Mannschaft zu wenig eingespielt? Oder mangelt es an Qualität? Und wenn – wo?

Grünaufweiß versucht Antworten zu finden.

Schreibe einen Kommentar