Gestern, Heute, Morgen – Rapid zwischen Anspruch und Wirklichkeit

120 Jahre Rapid Geburtstagsfeier

Am 08. Jänner 2019 hat der SK Rapid Wien seinen 120. Geburtstag gefeiert. Und der Auftakt für ein Jahr der Feierlichkeiten ist vielversprechend geglückt. Am Vormittag wurde dem Rapid-Namensgeber Wilhelm Goldschmidt, der 1942 deportiert und ermordet wurde, mit einem „Stein der Erinnerung“ gedacht. Später gab es am Baumgartner Friedhof eine Kranzniederlegung am Grab des 1938 verstorbenen „Mister Rapid“ Dionys Schönecker und am Abend eine großartige Veranstaltung für 1.000 Rapidfans im Weststadion.

Ein blendend aufgelegter Andy Marek hat durch den Abend geführt – Funktionäre, ehemalige Spieler, Trainer, Vereins-Ikonen und verdienstvolle Fans wurden auf das Podium gebeten und gaben Geschichten aus der Vergangenheit und Anekdoten zum Besten. Tolle Videos wurden gezeigt. Abschließend wurde im Stadion vom 92 Jahre jungen Alfred Körner die alte Rapidhymne angestimmt und gemeinsam mit den Fans gesungen. Umschmeichelt von einer tollen Pyrochoreo im Block West und einem anschließenden Feuerwerk. Ein unvergesslicher Abend für alle anwesenden Fans, der ein wenig vom tristen Ligaalltag abgelenkt hat.

 

120 JAHRE SK RAPID – GESTERN, HEUTE, MORGEN. RAPID WIRD´S IMMER GEBEN!“

Unter diesem Motto steht das Jubiläumsjahr. Eingedenk der schwachen Performance in der Meisterschaft ein mutiges Motto.

 

„Rapid wird’s immer geben!“ – Dieses Versprechen konnte nicht immer gegeben werden!

Man braucht in der Geschichte des SK Rapid Wien nicht bis zum legendären Dionys Schönecker zurückgehen, um den österreichischen Rekordmeister in existenzieller Not zu sehen. Es war 1993, als über eine Fusion zwischen dem SK Rapid Wien und dem FK Verteilerkreis von Seiten der Bank Austria ernsthaft nachgedacht wurde. In einem Sportbeitrag des ORF trug Peter Stöger ein Fusions-Trikot aus grün und violett (aus Gründen des Jugendschutzes verzichten wir auf eine Verlinkung des Beitrages, Anm.). Nur mit viel Unterstützung konnte der 1994 angemeldete Ausgleich gestemmt werden. Auch im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends waren die Hütteldorfer finanziell nicht auf Rosen gebettet und das negative Eigenkapital ein ständiger Wegbegleiter.

Es wird das Erbe des scheidenden Präsidenten Michael Krammer sein, dass er und sein Team – hier muss auch der Geschäftsführer Wirtschaft Christoph Peschek lobend erwähnt werden – den Verein nicht nur auf finanziell gesunde Beine gestellt haben, sondern mit dem Stadion und dem Trainingszentrum infrastrukturelle Jahrhundertprojekte realisiert und in die Wege leiten konnten.

Erst vor ein paar Tagen wurden die Schulden der 3 Istanbuler Traditionsclubs Fenerbahce (649,35 Mio Euro), Galatasaray (482,14 Mio Euro) und Besiktas (404,22 Mio Euro) bekannt. Fenerbahce steht in der türkischen Süper Lig sogar auf einem Abstiegsplatz. Dass solide Finanzen eine Grundvoraussetzung für den Fußball sein sollten, wird von den Verantwortlichen des SK Rapid zu Recht ernst genommen.

 

„Gestern!“ – Rapid war einmal europäische Weltklasse!

Widmet man sich den Rapiderfolgen der Vergangenheit müsste man eher von einem „Vorgestern“ als einem „Gestern“ schreiben. Beim letzten Cupsieg hatte der Verfasser dieser Zeilen erst 16 Lenze auf dem Buckel und auch der letzte Meistertitel ist mehr als 10 Jahre her. Inklusive der Saison 1999/2000 wurden im neuen Jahrtausend 37 Titel (19 Meisterschaften, 18 Cuptitel) ausgespielt – lediglich 2 (Meister 2005 und 2008) landeten in Hütteldorf.

Die Zeiten als Rapid Wien eine europäische Spitzenmannschaft war und im Konzert der Großen mitspielen durfte, sind lange her. In den 1950er und 1960er-Jahren gab es legendäre Europacupspiele, heroische Siege und unglückliche Niederlagen auf allerhöchstem Niveau gegen die Besten der Besten. 1985 und zuletzt 1996 standen die Hütteldorfer in einem Europacup-Finale. Derzeit könnte man von der damaligen internationalen Klasse – gefühlt – kaum weiter weg sein. Auch wenn der Aufstieg ins Sechzehntelfinale geglückt ist.

 

„Heute!“ – Frust statt Lust! Wann freuen wir uns wieder auf unsere Mannschaft?

Es ist wohl kein Zufall gewesen, dass die aktuelle Rapidmannschaft zwar an den Abendfeierlichkeiten teilgenommen hat, aber nur zur Randnotiz verkommen ist. Wo sind die Zeiten, als die Mannschaft bei Veranstaltungen noch eifrig beklatscht wurde?

Auch wenn in der Europa League das Sechzehntelfinale erreicht wurde, sitzt bei vielen Fans der Meisterschaftsfrust viel zu tief. In Friedrich Torbergs „Die Tante Jolesch“ heißt es so schön: „Gott soll einen hüten vor allem, was noch ein Glück ist.“. Für die Rapidspieler war es nach dem letzten Derby an der Tangentenböschung wirklich noch ein Glück, dass nach dieser historischen Pleite in der Öffentlichkeit hauptsächlich über das skandalöse Verhalten der Polizei gegenüber den Rapidfans diskutiert wurde. „Arme“ Violette: Stell dir vor du gewinnst 6:1 und keinen interessiert´s.

Der Standort Salzburg der Sektion Fußball der Marketingabteilung eines bekannten Brausekonzerns verfügt nicht nur über die größten finanziellen Möglichkeiten, sondern hat auch ein sportliches Konzept entwickelt, das sowohl in Österreich, als auch international greift. Der LASK eifert ihnen nach. Selbst in St. Pölten, Hartberg und Wolfsberg wird trotz deutlich geringerer Ressourcen sportlich heuer viel erfolgreicher gearbeitet. Das muss zu denken geben.

Viele Spieler sind in den letzten Jahren gekommen und gegangen, zu viele Trainer wurden verschlissen. Der sportliche Erfolg ist ausgeblieben und mit dem Verpassen des Meisterplayoffs droht dem Rekordmeister und seinen Fans eine weitere Schmach. Die Jubiläumsveranstaltung war ein voller Erfolg und vergnüglicher Abend. Ist die Mannschaft irgendwem der Anwesenden abgegangen? Ich glaube nicht. Das muss sich schleunigst ändern. Vergangenheitsfolklore ist wichtig. Der aktuelle sportliche Erfolg aber noch viel mehr jeder einzelne Spieler, der das so ruhmreiche Rapidtrikot tragen darf, ist gefordert.

 

„Morgen!“ – Rapid zehrt vom Gestern. Das Heute lastet schwer auf den Schultern. Wie kann es ein Morgen geben?

Schon im Sommer beim „Ruhr Cup“ konnte der Rapidnachwuchs mit dem Turniersieg überzeugen. In der Halle von Sindelfingen reichte es jüngst nach teilweise überragenden Leistungen zu Platz 2 hinter dem Liverpool FC. Der erst 15-jährige Yusuf Demir wurde unter anderem zum „Spieler des Turniers“ gewählt. Mit Steffen Hofmann als Talentemanager fungiert eine Rapid-Ikone als Schirmherr für den Rapidnachwuchs. Nur mit der bestmöglichen Ausbildung auf allen Ebenen und einer Profiperspektive wird man die jungen Spieler beim Verein halten und weitere Talente verpflichten können.

Mit dem neuen Weststadion und dem geplanten Trainingszentrum wurden von den Verantwortlichen die dringend notwendigen infrastrukturellen Maßnahmen und somit Meilensteine für die Zukunft des Vereins gesetzt.

Es ist immanent, dass sich jede Rapidlerin und jeder Rapidler – egal ob Fan, Funktionär oder Spieler – der grün-weißen Wurzeln und Traditionen bewusst ist und sie gelebt werden. Das sind wir unserer großartigen Vergangenheit schuldig und ist Teil unserer Identität. Das seelenlose Salzburger Konstrukt mag zwar sportlich erfolgreich sein, die Herzen der Fans wird es jedoch nie erreichen.

Umso wichtiger ist es allerdings, gemeinsam an einer sportlich erfolgreichen Gegenwart und Zukunft zu arbeiten und nicht mehr nur von Erfolgen längst vergangener Tage zu träumen. Für die Zukunft bin ich optimistisch, denn die Rahmenbedingungen wurden und werden geschaffen. Es ist die Gegenwart, die vielen Fans Sorge bereitet. Und das ist nachvollziehbar.

 

 

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