Rapid Hauptversammlung 2018 – ein Kommentar

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Nur einen Tag nach der klaren Pleite gegen den LASK wurden die Rapidmitglieder zur Ordentlichen Hauptversammlung geladen. Wer sich ob der sportlichen Krise eine turbulente Versammlung samt Revolutionsgedanken erhofft hatte, wurde enttäuscht. Dabei sind ca. 1.200 Mitglieder gekommen.

Als Einleitung wurde der neue Trainer und Rapidlegende Didi Kühbauer von Andy Marek interviewt. Der daraus resultierende Erkenntnisgewinn war – vornehm formuliert – bescheiden. Dass es nicht läuft, sehen wir, wieso es nicht läuft, blieb sehr vage. Rapidgeist hin oder her, aber allein daran kann es ja nicht liegen.

Präsident Michael Krammer durfte hernach als erster offizieller Redner zum Mikrofon und war souverän, aber eher leidenschaftslos. Die üblichen Entwicklungsthemen und Projekte wurden routiniert abgespult, Feuer konnte unter den Fans trotz Neuigkeiten vom Nachwuchs- und Frauenfußball nicht entfacht werden. Bei der Analyse der aktuellen Krise ging es abermals um den Rapidgeist. Die Mannschaft wurde wegen ihrer Einstellung kritisiert, ein versuchter Namenswitz gegenüber einem kritischen Fan ging komplett in die Hose. Buhrufe statt Lacher gab es für den unprofessionellen Kalauer.

Mit seiner Ankündigung, nicht für eine weitere Amtszeit kandidieren zu wollen und aus familiären Gründen zu können, hat er viele überrascht. Sehr schade und bedauerlich, aber nachvollziehbar.

Geschäftsführer Wirtschaft Christoph Peschek hat eingangs etwas angeschlagen gewirkt, ist aber mit Fortdauer seiner Rede aufgewacht und hat sie gekonnt erledigt. Die wirtschaftlichen Zahlen waren den meisten Fans bereits bekannt, respektive wurden sie vorher schon genannt, aber durch seine Erläuterungen interessant ergänzt.

Es stimmt, ohne den Verkauf von Maximilian Wöber hätte der SK Rapid das Geschäftsjahr wohl kaum mit einem Gewinn abgeschlossen und wäre ohne Gegenmaßnahmen sogar tief in die roten Zahlen gerutscht. Trotzdem ist die Kritik für mich etwas übertrieben. Rapid hat ja nicht Lotto gespielt und zufällig einen Sechser gemacht, sondern dieser Rekordtransfer ist der Ausdruck hervorragender Arbeit. Einerseits in den eigenen Nachwuchs und andererseits hat sich Rapid in Europa einen Namen gemacht. Außer Salzburg hätte kein anderer österreichischer Verein auch nur annähernd so eine hohe Summe für einen Nachwuchsspieler erhalten.

2014 wurde das Stadionprojekt präsentiert. Kosten für den Neubau: 53 Millionen. Die Stadt Wien hat mit einer sehr hohen Subvention geholfen – bekommt das Geld aber wieder über Steuern und Abgaben retour – und etwa 35 Millionen wurden über einen Bankkredit aufgestellt. Davon wurden bereits 10 Millionen abbezahlt. Zusätzlich wird jetzt noch das neue Trainingszentrum auf Schiene gebracht. Kosten: 25-30 Millionen (inklusive der notwendigen Baumaßnahmen beim Weststadion). Rapid Wien hat in wenigen Jahren 2 Infrastrukturprojekte mit einem Kostenvolumen von ungefähr 80 Millionen Euro auf die Beine gestellt. Und droht offenbar nicht daran pleite zu gehen. Nicht auszudenken, was alles noch möglich sein könnte, wenn die Mannschaft nicht sportlich chronisch erfolglos wäre.

Das so wichtige Thema Trainingszentrum zum jetzigen Zeitpunkt präsentieren zu müssen, war undankbar, weil das Verpassen des Meisterplayoffs wie ein Damoklesschwert über dem Verein schwebt und die Fans verunsichert. Schön, wenn das zweitwichtigste Infrastrukturprojekt nach dem neuen Stadion nun in der finalen Planung ist und 2021 eröffnet wird, die 5 Spiele bis zur Winterpause sind den Fans trotzdem wichtiger.

Geschäftsführer Sport Fredy Bickel musste den deutlich schwierigeren Part übernehmen und über sein Betätigungsfeld referieren. Wer sich jetzt eine tiefergreifende Analyse der Situation erwartet hätte, wurde bitter enttäuscht. Fredy Bickel ist überaus sympathisch, kein Thema, aber er wirkt ziemlich ratlos und seine Analyse blieb ähnlich vage wie von Didi Kühbauer.

Als die beiden Geschäftsführer nebeneinander gesessen sind und nacheinander über ihre Bereiche referiert haben, ist es mir vorgekommen, wie wenn eine Familie einen Musterschüler und einen Repetenten hat, der sich trotz viel Nachhilfe nicht erklären kann, weshalb sich der Erfolg nicht einstellt. Aber ist das allein die Schuld des Geschäftsführer Sport? Hat er tatsächlich die notwendige Unterstützung von der wirtschaftlichen Abteilung erhalten? Bislang durfte er kaum Risiko nehmen. Verkäufe vor Einkäufe.

Der Rapidkader umfasst 28 Spieler. Die 4 Torhüter sind schon länger beim Verein, da hat Rapid aber auch kein Problem. Bleiben 24 Feldspieler, wovon Mocinic und Szántó wegfallen, weil sie bereits lange verletzt sind. Von den übrigen 22 Spielern sind 10 von Sportdirektor Fredy Bickel geholt worden und 3 wurden von ihm aus der zweiten Mannschaft hochgezogen. „Geerbt“ hat er Hofmann, Murg, Schwab, die lange verletzten Dibon und Schobesberger, und Sonnleitner, dem schon wieder einmal nahe gelegt wurde, dass er sich doch einen neuen Verein suchen soll und der sich schon wieder in die Mannschaft zurückgekämpft hat. Alle diese Spieler waren in der Vergangenheit bereits Leistungsträger bei Rapid. Auf Auer, Thurnwald und Malicsek trifft das nicht zu, die spielen aber auch kaum.

Der Kader des SK Rapid trägt mittlerweile die Handschrift unseres Sportdirektors, aber vor allem seine Verpflichtungen für die Offensive lahmen. Ähnlich wie die Erklärungsversuche des Sportdirektors. Sollte es andere Ursachen geben, sollte er Klartext reden und sich positionieren.

Dass bei der Hauptversammlung von mehreren Seiten der fehlende Rapidgeist strapaziert wurde, zeugt von einer eingeschränkten Problemanalysefähigkeit. Gemeinsam – Kämpfen – Siegen. Dafür muss der Verein die Voraussetzungen schaffen und darf kein Lippenbekenntnis sein. Die aktuelle Misere nur mittels Esoterik lösen zu wollen, wirkt wenig vertrauenserweckend.

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