Kommentar: Möchte Rapid Wien nicht Meister werden?

Kommentar Rapid Meister

Stell dir vor du kannst Meister werden, aber du magst nicht so richtig. Diesen Eindruck hat der SK Rapid Wien rund um die Heimniederlage gegen TSV Hartberg erweckt. Zuerst ein Interview des Geschäftsführers Sport Zoki Barisic mit dem Kurier. Später am Nachmittag der – vor allem von den Routiniers – blutleere Auftritt der Mannschaft des SK Rapid Wien. Bei allem Verständnis für die Verletzungssorgen.
 
Wenn ein Verein, der seit zwölf Jahren auf einen Titel wartet, fünf Runden vor dem Ende der Meisterschaft bloß fünf Punkte hinter dem Tabellenführer liegt und es zudem noch ein direktes Duell gibt, sollte man sich doch erwarten dürfen, dass man diese Chance nützen möchte. So oft kommt sie ja nicht. Zumal es ja immer geheißen hat, dass man da sein möchte, wenn der FC Salzburg schwächelt. Und die Salzburger haben im Parallelspiel gegen den WAC tatsächlich nochmals Punkte liegengelassen. Nur noch drei Zähler hätte der Rückstand betragen können.
 
Euphorie und Leidenschaft sind nichts Negatives. Im Gegenteil. Sie können sogar neue Kräfte entfachen. Doch der SK Rapid strahlt so überhaupt keinen Glauben und Zuversicht aus, endlich wieder einmal den Meisterteller in die Höhe stemmen zu dürfen. Weder Verantwortliche noch Führungsspieler. Stattdessen wird ernsthaft darüber diskutiert, ob nicht vielleicht der dritte Platz besser als der zweite Rang wäre. Kein Witz.
 
Wie kann das sein? Wo bleibt die Gier nach Erfolgen? Oder schwelgen die Hütteldorfer nur noch in der Vergangenheit? GRÜN AUF WEISS – der Rapid Blog mit einem Kommentar.
 

Rekordmeister Rapid Wien: Willkommen in der Vergangenheit

Wer einen der Fanshops des SK Rapid betritt und nach Fanutensilien mit Bezug auf Rekordmeister sucht, wird schnell fündig. Gerne rühmt sich der Verein seiner glorreichen Vergangenheit. Die lange zurück liegt. 25 der 32 österreichischen Meisterschaften haben die Grün-Weißen bis 1968 gefeiert. Das ist 52 Jahre her. In den 1980er Jahren gab es noch einmal ein Aufflackern mit vier Meistertiteln. Seit der Saison 1987/88 sind nur noch drei Meisterschaften gefeiert worden – die letzte 2008. Über den Cupbewerb breiten wir sowieso gleich besser den Mantel des Schweigens aus.
 
Dennoch wird der Verein nicht müde, Kapital aus den Erfolgen grauer Vorzeiten zu schlagen. Die Vermarktung funktioniert und die Legendenabende sind nett. Allerdings kommen keine neue Heldenstorys mehr hinzu. Rapid Wien lebt größtenteils in der Vergangenheit.
 

Ansprüche werden niedrig gehalten

Wenn der in den letzen drei Jahrzehnten ohnehin nicht übermäßig erfolgreiche österreichische Rekordmeister nach zwölf Jahren Abstinenz endlich wieder einmal eine realistische Chance auf den Meistertitel hat, sollte dieser auch der Anspruch sein. Dann braucht es kein Understatement oder Befürchtungen, dass „es zu schnell geht“. Zumal die Hütteldorfer eh kaum langfristig aufbauen können. Im Sommertransferfenster werden wohl wieder Leistungsträger verkauft werden (müssen) und der nächste Neuaufbau beginnt. So wird die Lücke zu den Salzburgern nicht kleiner werden.
 

Wann wird der Sport wieder das Aushängeschild des SK Rapid?

Ja, die Coronakrise ist übel – natürlich auch für die Hütteldorfer. Sie geht an uns allen nicht spurlos vorüber. Dennoch wirkt es irritierend, dass mehr über die Krise als über die sportlichen Leistungen diskutiert wird. Die Fans haben finanziell eh schon alles gegeben, während auf der anderen Seite der Verein in Zeiten angeblich höchster Not einen neuen Finanzdirektor eingestellt hat.
 
Die Mannschaft des SK Rapid Wien ist das sportliche Aushängeschild des Vereins und nur das muss und darf im Vordergrund stehen. Die Abteilung Wirtschaft ist dafür da, damit der sportliche Erfolg gelingt. Und nicht umgekehrt.
 

Keine Gewinnermentalität

Die wohl absurdeste Diskussion hat es in den letzten Wochen rund um den zweiten und dritten Platz in der österreichischen Bundesliga gegeben. Der dritte Rang bringt einen Fixplatz in der Gruppenphase der Europa League. Der Vizemeister hat diesen nicht, dafür allerdings die Chance auf die Champions League. Aber wieso nicht nach dem Meistertitel streben? Damit würde Rapid Wien Quali für die Champions League spielen UND wäre im schlechtesten Fall fix in der Europa League Gruppenphase. Aber selbst wenn es nicht mit dem Titel klapen sollte, könnte sich die Mannschaft als Zweiter mit den Besten messen und ein neues Erfolgskapitel schreiben. Sollte nicht der maximale sportliche Erfolg der Anspruch unser aller Herzensvereins sein?
 
„Gemeinsam. Kämpfen. Siegen.“ Das ist der Leitspruch des SK Rapid Wien. Irgendetwas ist da in den letzten Jahrzehnten verloren oder schief gegangen. Stattdessen wird tiefgestapelt und sich absurd niedrige Ziele gesetzt. Und selbst diese werden immer wieder verfehlt. Aber wenn ein Verein mit dem zweithöchsten Budget einen internationalen Startplatz als Ziel ausgibt, den mit Glück sogar der Tabellenachte der österreichischen Bundesliga erreichen kann, stimmt etwas nicht.
 
Ein Club wie der SK Rapid Wien definiert sich über seine Traditionen und Erfolge – nur sollte die Liste derer endlich verlängert werden. Aber das muss man auch wollen und muss gelebt werden – von der Vereinsspitze abwärts. Euphorie darf und muss sogar entfacht werden. Vom Spieler bis zum Fan bloß das Beste geben zu wollen, sind wir der Geschichte unseres großartigen Vereins schuldig. Denn nur so schlägt das grün-weiße Herz den Dosenkommerz.