Das große Interview mit Fredy Bickel – Teil 3

Markus Felkel, Christian Felkel, Fredy Bickel

In Teil 3 erfahrt ihr:

🎯 Weshalb der Österreichertopf für Rapid Wien so wichtig ist.

🎯 Was Rapid vom LASK lernen kann.

🎯 Über mentale Schwächen.

🎯 Wieso Fredy Bickel den Abschied im Sommer bedauert.

 

Die Bedeutung des Österreichertopfs:

“Was du machst, was du nach außen ausstrahlst, ist wichtig. Wenn die Jungen spüren, dass sie eine Chance haben und auf sie gezählt wird, bleiben sie hier.”

 

GRÜN AUF WEISS: Der Österreichertopf bringt zwar etwas Geld, macht er für Rapid wirklich Sinn?

Fredy Bickel: Ich finde ja. Aber aus anderen Gründen. Mit den Finanzen hat es nichts zu tun, sondern für die Zukunft. Denn es ist ganz klar. Du musst es hinkriegen, dass die besten Talente aus Österreich zu dir kommen wollen. Weil die Schere wird immer größer. Du kannst nur diesen Weg gehen. Es gibt wunderbare Beispiele. Die jungen Spieler – ich habe es vorher erzählt – schauen, wo sie die besten Trainingsmöglichkeiten, gute Trainer, ein gutes Umfeld haben und wo alles beieinander liegt. Das beste Beispiel war der FC Basel in der Champions League und mit dem vielen Geld. Die haben Ausländer geholt, auch für den Nachwuchs, um sie später hochziehen zu können. Und was ist in Basel passiert? Plötzlich wussten sie nicht mehr, wieso die Schweizer Talente nicht mehr nach Basel wollten. Die Talente haben gesehen: In Basel haben sie kleinere Chancen. Young Boys hat viel aufgeholt, weil wir die Talente abgrasen konnten, die nicht mehr nach Basel gegangen sind. Was du machst, was du nach außen ausstrahlst, ist wichtig. Wenn die Jungen spüren, dass sie eine Chance haben und auf sie gezählt wird, bleiben sie hier. Wenn sie das nicht spüren, dann gehen sie mit 16, 17 oder 18 Jahren irgendwo anders hin.

 

GAW: Basel hat sehr viel Geld, der Rest der Liga weniger. Ähnlich wie in unserer Liga mit Salzburg. Sie haben in der Champions League reüssiert, sehr viel Geld eingenommen und dadurch auch fertig ausgebildete Spieler von den anderen Vereinen holen können. Basel hat mit Nationalspielern gespielt, die sich andere Vereine nicht leisten konnten.

Fredy Bickel: Die Schweizer, die bei ihnen gespielt haben, das waren auch die Nationalspieler. Das Problem war weniger in der ersten Mannschaft, sondern was bekommst du im Nachwuchsbereich. Und ich glaube auch, dass du mal Schritte machen kannst, wo du mehr Ausländer holst. Aber zuerst musst du dir im Nachwuchs den Namen erarbeiten, damit Spieler überhaupt da hinkommen und daran glauben. Wenn du sofort anfängst, nur mit Ausländern aufzufüllen, die Jungen glauben dir es nicht mehr. Das hat mit einer gewissen Entwicklung zu tun. Das dauert 3 bis 5 Jahre. Nur muss man auch einsehen, dass wir hier die Zeit dazu gar nicht haben. Das ist so. Ohne Emotionen.

 

GAW: Auch im Nachwuchs? Ich kann mir ja auch talentierte Nachwuchsspieler aus dem Ausland holen.

Fredy Bickel: Ich weigere mich bis heute, weil ich dem Spieler wenig bieten kann. Sie trainieren einmal hier, sie trainieren einmal da, hier ist eine Schule, dort ist eine Schule. Eine Akademie im herkömmlichen Sinne haben wir noch nicht. Vielleicht finden wir zufällig eine Pflegefamilie, aber für mehr als 3 oder 4 Talente von auswärts reicht das nicht.

 

Was sich Rapid vom LASK abschauen könnte:

“Was du alles mit so einem Glauben und so einem Zusammenhalt erreichen kannst, davon kann sich die Mannschaft etwas abschneiden.”

 

GAW: Der LASK ist im Vorjahr aufgestiegen und spielt heuer um den Meistertitel mit. Was macht der LASK besser?

Fredy Bickel: Es gibt ein positives Umfeld und die Spieler wachsen darin über sich hinaus. Aber – das ist nicht böse gemeint – wie viele Spieler vom LASK sind für das Ausland interessant?

 

Fredy Bickel und Christian Felkel im Gespräch
Fredy Bickel und Christian Felkel im Gespräch

 

GAW: Im letzten Sommer ein Spieler, da ist Pavao Pervan nach Wolfsburg gegangen.

Fredy Bickel: Ich glaube allein vom Wert der Mannschaft her, verkörpern wir einiges mehr.

 

GAW: Ein großer Wert ist der Trainer, der ist ja der gefragteste Akteur beim LASK.

Fredy Bickel: Sie konnten den Schwung mitnehmen und haben eine verschworene Truppe. Sie haben keine Spieler, die täglich mit dem Ausland konfrontiert werden. Sie wissen, wie stark sie sind, wenn sie diesen Zusammenhalt weiterhin haben. Sie hatten auch nie eine Krise. Wenn doch einmal 3 oder 4 Spieler gehen oder sie zwischendurch ein Tief haben – ich wünsche es ihnen nicht und ich will es auch nicht – wird es anders aussehen. Gogo war eine Woche dort und er hat mir davon berichtet. Es ist unglaublich. Die sind sich sicher, dass ihnen gar nichts passieren kann. Egal wer und was kommt. Wenn sie nur zusammen auftreten. Das ist dieses Wir-Gefühl, das bekommst du natürlich auch mit der Kontinuität. Du hast zusammen Erfolg, du steigst auf. Du hast gleich eine gute Saison und alle ziehen mit.

 

GAW: Kann sich Rapid da etwas abschauen?

Fredy Bickel: Es ist einerseits das Momentum, aber ich sage auch: Was du alles mit so einem Glauben und so einem Zusammenhalt erreichen kannst, davon kann sich die Mannschaft etwas abschneiden.

 

Mentale Schwächen:

“Du hast in diesem Spiel gesehen – und es war eine Katastrophe – wir sind zusammengefallen, weil jeder Spieler es selbst lösen wollte.”

 

GAW: Wie kann sich die Mannschaft das erarbeiten?

Fredy Bickel: Wir haben den Mentaltrainer im letzten Sommer fest angestellt. Wir wollen auch spezifisch darauf hinarbeiten. Es ist etwas langsam gegangen. Wir haben zudem im Winter temporär einen Fachmann aus dem Ausland geholt Er hat nach dem Mattersburgspiel angerufen und gesagt: „Ich kann mir diesen Durchhänger nicht erklären. Ich war so überzeugt, wir haben sie auf dem richtigen Weg.“

GAW: Liegt das am Kollektiv oder kann man das an einigen Personen festmachen?

Fredy Bickel: Für mich sind wir jetzt stärker, wirklich stärker und stabiler. Mattersburg war für mich ganz klar nicht ein Fehler, den ich der Mannschaft zuschieben kann. In Mattersburg nehme ich die Mannschaft in Schutz. Bei Hartberg bin ich felsenfest überzeugt, wäre es ein normales Spiel gewesen, hätten wir das locker durchgebracht. Ich entschuldige es nicht, weil wir alle müssen immer bis zum Ende arbeiten, aber ich bringe ein gewisses Verständnis auf. Wir wollten das Meisterplayoff wirklich unbedingt erreichen und wir haben auch daran geglaubt. Wir haben gesagt, wir wollen keine Resultate vor der Halbzeit wissen und wir legen uns den Plan für die zweite Halbzeit bereit. Dann kommen die Spieler rein und diskutieren darüber. Du weißt, beide Teams, die uns helfen können, haben einen Spieler weniger auf dem Platz und das allgemeine Gefühl war, dass es höchstens Graz sein wird, auf das du hoffen kannst. Wolfsberg haben wir gegen die Admira, mit einem Spieler mehr, einen Punkt zugetraut. Bedeutet: Wir wussten, dass wir 5 Tore Unterschied brauchen. Das heißt raus gehen und Tore machen. Dann kriegst du nach 5 Minuten das Tor, ein saudämliches Tor und gleichzeitig fällt der Treffer in Graz. Das ist wirklich innerhalb einer Minute passiert und du hast gesehen, dass die Mannschaft und die Ersatzbank tot war. Das darf nicht sein, aber wäre es ein normales Spiel gewesen, wäre es am Schluss ein 3:1 oder 4:1 geworden. So ist aber innerhalb einer Minute alles zusammengebrochen, worauf du eigentlich hingearbeitet hast.

 

GAW: In Mattersburg und Hartberg haben wir die Tore von Innenverteidigern bekommen – war das Zufall?

Fredy Bickel: Für mich hat das andere Zusammenhänge.

 

GAW: Gibt es in der Mannschaft einen harten Kern?

Fredy Bickel: Das ist genau das Verrückteste. Normal hast du Probleme, dass du diesen Kern bilden musst und sie zusammenführst. Ich habe das Gefühl, das ist eine Mannschaft, die neben dem Platz unglaublich harmoniert. Da hast du Spieler wie zum Beispiel Maxi Hofmann, der unheimlich viel für die Mannschaft macht. Es gibt Spieler, die treffen sich am Nachmittag und verbringen miteinander Zeit.

Aber ich nehme das Spiel in Hartberg – 3:0 verloren. Es hat mir kaum einer geglaubt, dass dort die einzelnen Spieler am meisten von allen Spielen gelaufen sind. Wir laufen normal guter Durchschnitt. Hartberg war weit, weit überdurchschnittlich. Potzmann ist zum Beispiel 14 Kilometer gelaufen. Du hast in diesem Spiel gesehen – und es war eine Katastrophe – wir sind zusammengefallen, weil jeder Spieler es selbst lösen wollte. Murg ist plötzlich von rechts vorne nach links hinten gelaufen. Potzmann stand irgendwo, sie haben völlig die Struktur verloren, da war nichts mehr miteinander. Sie sind als Mannschaft völlig zusammengebrochen.

 

GAW: Da kann der Trainer auch nicht einwirken?

Fredy Bickel: Nein, wenn die Situation so ist, müsstest du 2 oder 3 Persönlichkeiten auf dem Platz haben. Wichtig wäre es kühlen Kopf zu bewahren und die Positionen zu halten. Das müssen die Spieler richten. Du kannst als Trainer vor dem Spiel die Marschroute bekannt geben, du kannst in der Halbzeit noch etwas korrigieren, aber während des Spiels ist fast nichts mehr veränderbar.

 

GAW: Außer man packt einen Plan B aus, der vorher auch ausgemacht ist.

Fredy Bickel: Ja.

 

GAW: Noch einmal: Wie kriegt man die Mannschaft so hin, dass solche Sachen nicht mehr passieren?

Fredy Bickel: Wir arbeiten daran weiter und ich hasse es, wo wir jetzt stehen. Ich schäme mich, dass wir dort sind, wo wir sind. Es könnte aber – und ich sage es wirklich nicht gerne – auch zu einem Glück für uns werden. Wenn du das wirklich durchziehst, eine Serie hinlegst und die Mannschaft spürt, wie viel sie bewegen kann, wenn sie miteinander auftreten, dann kann das für die nächste Saison ein Riesenschritt sein. Du brauchst dazu aber natürlich auch die Resultate, das ist das Oberste. Und du bräuchtest auch einmal etwas Ruhe. Dieses untere Playoff hat nichts Gutes, aber es könnte uns schlussendlich etwas Gutes bringen.

 

Zukunft… :

“Nicht europäisch dürfen wir 23 fitte Spieler im Kader haben, europäisch 25 fitte Spieler.”

 

GAW: Prämien müssen nicht gezahlt werden und wenn wir uns über den Cup oder die Qualifikationsrunde für den Europacup qualifizieren, ist das finanzielle Desaster nicht so schlimm. Oder?

Fredy Bickel: Unsere Verantwortlichen für die Finanzen sind im Moment in Sorge, weil sie das Gefühl haben, dass der Aboverkauf total hinuntergeht, die Sponsoren durch diesen Imageverlust abspringen und wir große Verluste einfahren werden. Das ist eine Möglichkeit, ich kann sie nicht ausschließen, aber du hast ja dann schon diese Stimmung bei dir und im Stadion. Ja, es kann sein und damit musst du als Geschäftsführer rechnen. Aber ich sehe doch, dass das Glas auch halb voll ist.

GAW: Wichtig war ein souveräner Start. Wenn wir jetzt endlich mal einen Lauf haben, dann werden auch die Fans wieder kommen.

Fredy Bickel: Ich möchte es auch noch nicht so negativ sehen.

 

GAW: Welche Planungen gibt es für das nächste Transferfenster?

Fredy Bickel: Es ist wirklich so, dass die Anzahl der Spieler klar vorgegeben wurde: Nicht europäisch dürfen wir 23 fitte Spieler im Kader haben, europäisch 25 fitte Spieler. Es gilt auch einer als fit, der 2 Monate verletzt ist. Er muss schon 5 oder 6 Monate ausfallen, damit er als nicht fit gilt. Für den Moment, wenn ich die Leihspieler, die zurückkommen, dazu zähle, bin ich am ersten Juni bei 28 Spieler.

 

GAW: Kommt auch wer von Rapid II dazu?

Fredy Bickel: Vom Nachwuchs möchte ich unbedingt Leo Greiml hochziehen.

 

GAW: Und Elias Felber?

Fredy Bickel: Ganz sicher mal Greiml. Felber würde ich gerne, aber ich muss auch einmal schauen, dass ich Platz habe. Das Problem ist, für den Moment bin ich mehr ein Teppichhändler, der versucht, Spieler anzubringen, damit wir Platz für Veränderungen haben.

 

GAW: Das zieht sich schon die letzten 2 Jahre durch. Das ist ein Permanentzustand.

Fredy Bickel: Das ist ja das Problem. Das liegt auch an den vielen Trainerwechseln.

 

GAW: Ist Yusuf Demir einer der Kandidaten, die hochgezogen werden könnten?

Fredy Bickel: Ich möchte, dass er die Vorbereitung mitmacht. Ich denke aber nicht, dass es etwas bringt, wenn er verheizt wird.

 

GAW: Und die anderen Spieler, die im Winter dabei waren wie Melih Ibrahimoglu?

Fredy Bickel: Ibrahimoglu, Felber und Nicholas Wunsch haben auch schon mittrainiert.

 

GAW: Bezüglich des Trainingszentrums: Ist eine Halle geplant?

Fredy Bickel: Ist wichtig, aber sie ist nicht der erste Schritt. Es wurde aber schon in Betracht gezogen und daran gedacht.

 

GAW: Hätten wir nicht im Tullnerfeld bessere Trainingsbedingungen gehabt?

Fredy Bickel: Ich bin sehr glücklich, dass wir ein neues Trainingszentrum bekommen, damit wir mit den Bedingungen der Konkurrenz mithalten können. Ab diesem Zeitpunkt kannst du in den Verhandlungen auch wieder den Namen Rapid ausspielen.

 

GAW: Können wir das mit dem neuen Trainingszentrum?

Fredy Bickel: Ja, ich bin überzeugt davon.

 

… und Abschied:

“Es soll nicht populistisch klingen und bei all den Fehlern: Ich habe diese Mannschaft gern gewonnen. Es tut mir leid, denn es ist ein Wahnsinn, was du eigentlich bewegen könntest.”

 

GAW: Ihr Vertrag wäre bis 2021 gelaufen. Angenommen wir säßen im Sommer 2021 zusammen. Was wäre bis dahin passiert? Oder was wollen Sie, dass bis dahin passiert?

Fredy Bickel: Ich hatte meine Ziele bis dahin. Das ist ganz klar. Ich bin unheimlich gerne hier und ich bin überzeugt, dass wir etwas erreichen könnten. Ich spüre jedoch auch ganz fest, in welche Richtung es geht. Auch was die Präsidentenwahl betrifft. Auch wenn es nicht bestätigt ist und niemand bestätigen will, glaube ich zu wissen, wie es ausgeht. Es ist völlig klar, dass dann meine Zeit abläuft. Das bedeutet für mich, dass ich seit längerem am überlegen war, was das Beste für den Verein und das Beste für mich ist. Es wäre ganz sicher nicht gut gewesen, wenn ich im Sommer wegen einer halben Saison weitermachen würde. Das bringt niemandem etwas. Dass ich es von mir aus entscheiden konnte, war mir aber wichtig. Ich möchte sauber übergeben, aber dann muss man auch überlegen, wann der beste Moment ist. Und das habe ich mir überlegt.

 

GAW: Mit ihrer ruhigen Art in diesem hektischen Umfeld, tun Sie dem Verein gut. Es wäre schön, wenn Sie länger bleiben würden.

Fredy Bickel: Ich möchte auch. Wirklich. Es geht aber weniger um mich. Es soll nicht populistisch klingen und bei all den Fehlern: Ich habe diese Mannschaft gern gewonnen. Es tut mir leid, denn es ist ein Wahnsinn, was du eigentlich bewegen könntest. Ich sage das, weil es mir weh tut, das zu schmeißen und weil ich daran glaube. Ich glaube, dass ich mithelfen kann, dass wenigstens noch die verbleibenden Ziele erreicht werden können.

 

GAW: Wie danken Ihnen für das Gespräch!

 

Fredy Bickel und das Grün auf Weiss TeamA
Alexander WELZIG, Christian FELKEL, Markus FELKEL, Fredy BICKEL, Mathias PÜSCHE

 

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