Das große Interview mit Fredy Bickel – Teil 1

Der Rapidfanblog GRÜN AUF WEISS hat mit dem scheidenden Geschäftsführer Sport Fredy Bickel ein Interview geführt. In einem sehr ausführlichen Gespräch hat sich der sympathische Schweizer fast zweieinhalb Stunden Zeit für uns und unsere Fragen genommen. Ob der Länge haben wir das Interview dreigeteilt.

 

In Teil 1 unseres großen Interviews erfahrt ihr mehr über:

🎯 Fredy Bickels Kritik an der Mannschaft, aber auch negativen Einstellungen.

🎯 Seine Arbeit als Geschäftsführer Sport und seinen Plan für den grünweißen Nachwuchs.

🎯 Über seine Transferpolitik.

🎯 Ist Rapid eine „Schlangengrube“?

 

Für GRÜN AUF WEISS waren Christian Felkel, Markus Felkel, Mathias Püsche, Oswald Schwarz und Alexander Welzig am Interview beteiligt.

 

Fredy Bickels Kritik an der Mannschaft und negativen Einstellungen:

„Das Problem in der Mannschaft und das hat man wirklich gemerkt: Es fehlt die Kontinuität und die Stabilität.“

 

GRÜN AUF WEISS: Im Herbst wurde der Mannschaft fehlende Mentalität vorgeworfen. Was läuft falsch?

Fredy Bickel: Es gibt so 2 oder 3 Dinge, die für uns nicht gut sind.

Erstens: Bei Rapid sind grundsätzlich nie die Spieler schuld. Seit ich hier bin, konnten sie sich immer wieder rausreden. Schuld ist der Trainer. Schuld ist der Sportchef. Der Block West kritisiert etwas, aber gleichzeitig laden sie sie wieder ein und sind wieder zusammen.

Zweitens: Das hat mir wirklich zu denken gegeben. Ich habe noch einen guten Draht zu Joelinton. Wir haben viel über die Verhältnisse hier und dort gesprochen. Es ist ein Phänomen. Er sagt: „Ich schwöre dir, es ist zehnmal einfacher in der Bundesliga bei Hoffenheim zu spielen als bei Rapid Wien. Hier können wir mal verlieren, können hinten liegen, aber es ist jeder positiv, es haben alle Freude und den Kopf immer oben. Es wird jeder angetrieben, es geht jeder jeden Tag mit Freude zum Training und zu den Spielen. Und in Wien – irgendetwas war immer. Der war unzufrieden, das war nicht gut, dort ist etwas scheiße.“

 

GAW: Woher kommt das?

Fredy Bickel: Es fällt schon auf, wenn du von der Fremde kommst. Ehrlich, ich habe nach Salzburg (2:0-Sieg am 24.02.2019, Anm.) ca. 20 Mails bekommen, davon waren vielleicht 18 negativ. „Wir haben nur gewonnen, weil die so scheiße waren.“ „Marco Rose hat falsch aufgestellt.“ „Wir hatten nur Glück“. Oder ein anderes Beispiel: Wir kommen in die Gruppenphase der Europa League. Ich habe sicher eine dreistellige Anzahl an Mails bekommen und etwa 90% waren negativ. „Bildet euch darauf nichts ein.“ „Die Gegner waren schwach.“ „Ihr hattet einen super Strebinger.“ Ich weiß was es heißt, in eine Europa League zu kommen. Das ist für Mannschaften aus Ligen wie Schweiz und Österreich keine Selbstverständlichkeit. Als ich das mit Zürich oder Young Boys geschafft habe, hat die Stadt eine Woche gefeiert – übertrieben gesagt. Hier hat man die Meinung, dass wir jedes Jahr dort sein müssen.

 

GAW: Das hat der Herr Präsident aber auch gesagt.

Fredy Bickel: Das wäre auch mein Ziel und das möchte ich auch. Die Realität ist aber, mit unseren Gehältern können wir kaum mit Clubs aus der zweiten deutschen Bundesliga mithalten. Die Realität ist, dass von den 5 Clubs in der Schweiz, die am meisten bezahlen, ich keinen Stammspieler nach Wien bekommen würde. Das geht sich finanziell nicht aus. Wozu führt das? Ein richtig guter Spieler, der sofort etwas bringt, ist schwierig zu kriegen. Dann gehst du Risiken mit Spielern ein, die irgendwo ein Problem hatten, wo du aber weißt, dass sie eigentlich über mehr Potential als andere verfügen würden. Das verleitet dich dann solche Dinge zu machen. Im Sommer war das in der Anzahl zu viel. Ich glaube heute noch, dass zum Beispiel ein Andrija Pavlovic Anlagen hat, die er auch schon bewiesen hat.

 

GAW: Liegt das an der österreichischen Mentalität?

Fredy Bickel: Ich nehme jetzt als Vergleich Zürich und Young Boys her. Wenn du in der Europa League gewesen bist, dann hat das so viel Mut und Auftrieb gegeben. Dieser Schub war hier überhaupt nicht da. Die Misserfolge in der Meisterschaft haben überwogen.

 

Fredy Bickel und Christian Felkel im Gespräch
Fredy Bickel und Christian Felkel

 

GAW: Früher haben wir zumeist noch recht lange um den Titel mitgespielt. Dieses Mal hatte man bereits im Sommer das Gefühl, dass die Meisterschaft gelaufen ist. Ist da nicht einfach ein hohes Frustrationslevel da? Strahlt das Negative nicht auch der Verein aus?

Fredy Bickel: Ich glaube auch, dass das ein Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren ist. Ich habe mit Andy Marek schon darüber gesprochen. Überhaupt nicht böse gemeint. Wir haben eine Veranstaltung, er steht auf der Bühne und zählt auf, was alles gut rennt und was alles super ist. Richtig und gut so. Aber in der Meisterschaft, da ist es leider überhaupt nicht gut. Und alle Spieler sitzen dort. Wie die Deppen, die alles falsch gemacht haben. Das Problem in der Mannschaft und das hat man wirklich gemerkt: Es fehlt die Kontinuität und die Stabilität. Das habe auch ich nicht hingebracht. Sie fallen in sich zusammen, wenn es mal gegen sie läuft oder irgendetwas passiert.

 

GAW: Fehlt da nicht irgendein Typ wie Steffen Hofmann?

Fredy Bickel: Da gibt es diese Geschichte, die ich mir immer wieder vor Augen führe. Ich bin hingekommen und war die ersten paar Male in der Kabine. Du stellst Fragen und kein Spieler sagt etwas. Keiner. Alle schauen auf Steffen Hofmann. Dann hat Steffen Hofmann das Wort ergriffen und darauf haben ihm alle nachgesprochen. Da kann er überhaupt nichts dafür. Ich glaube nur, der Verein und die Fans haben ihn auf ein Podest gehievt. Das ist ihm auch gerecht geworden. Aber das war die Überfigur und unten konnte sich nie eine Hierarchie bilden. Wir haben das nach seinem Abschied mit Stefan Schwab versucht und ich muss ehrlich sagen, wenn seine Leistungen nicht stimmen, dann geht das auch auf mich zurück. Wegen der Fußstapfen, in die er treten musste. Schwab ist ein Musterprofi. Es will es allen recht machen und überall perfekt sein. Eine fast unmögliche Aufgabe, wenn die Resultate nicht stimmen.

 

GAW: Und die Aktion mit der Kapitänsschleife?

Fredy Bickel: Dir muss schon immer bewusst sein, dass du mit solchen Aktionen ein Thema in die Mannschaft bringst. Es war jetzt wirklich tagelang eine Diskussion, wo ich auch sage, was soll das? Ein Nebenschauplatz, aber es wird darüber diskutiert, obwohl es überhaupt nichts bringt.

 

Über seine Arbeit und den grünweißen Nachwuchs:

„Im letzten Sommer ist es das erste Mal gelungen, dass wir 6 Juniorennationalspieler zu uns holen konnten.“

 

GAW: Was macht ein Sportdirektor oder eben der Geschäftsführer Sport? Ihr Team umfasst 90 bis 95 Mitarbeiter.

Fredy Bickel: Jeder Sportdirektor wird eine andere Agenda haben. Die ist abhängig vom Druck, von der Geschichte und vom Präsidium. Hier sind zum Beispiel all die Anlässe, die bei Rapid stattfinden, unheimlich wichtig. Du gehst zu Fanclubtreffen, du gehst zum Beirat, ins Kuratorium, hast interne Anlässe. Ich habe jede Woche 2 bis 3 Abende ausgebucht. Da sind die Spiele noch nicht dazu gezählt. Dann ist es ja auch so, dass auch noch die Geschäftsführung ist. Da muss man hier in Österreich auch wissen – ich wusste das nicht –, dass man in einer GmbH auch privat haftet. Das bedeutet, dass man viel mit Behörden zu tun hat. Ich sitze mit Christoph (Peschek, Geschäftsführer Wirtschaft, Anm.) jeden Dienstag den ganzen Morgen zusammen und gehen nur die Zahlen durch. Das ist normal, wie in der Wirtschaft auch.

Nur musste ich auch viel in den Nachwuchs investieren und ändern. Ich habe jede Woche einen Termin mit Willi Schuldes (Sportlicher Leiter Rapid II; Akademie und Nachwuchs, Anm.), wo wir über den Nachwuchs sprechen. Ich habe alle 2 Wochen einen halben Tag alle Juniorentrainer zusammen, wo sie mir aufzeigen, wie es um die Talente steht und auf welcher Position sie die Talente einmal in der ersten Mannschaft sehen. Ich habe es immer so gemacht und bin gut damit gefahren – ich mache 2 verschiedene Scoutings. Ein internes, wo ich auf einem Blatt eine Mannschaft habe, von der U16 bis zur ersten Mannschaft. Jeder auf seiner Position, wo du dann siehst, machen diese Spieler Fortschritte oder nicht. Ich schaue auch, dass ich mir – wenn möglich – die Heimspiele von U16 bis Rapid II anschaue. Damit ich das Scouting verbessern und Löcher, die wir auf Positionen im Nachwuchsbereich haben, dementsprechend schließen kann.

Bei uns war es so, dass es eine große Kluft zwischen Kampfmannschaft und Nachwuchs gegeben hat. Die haben nicht zusammengearbeitet. Es gab auch eine große Kluft bei den einzelnen Juniorentrainern. Das ist aber nicht nur negativ. Es war einfach jeder so ehrgeizig und wollte den Erfolg für sich. Da muss man erst ein Umdenken hineinbringen. Es ist egal, ob die U18 Erster oder Vierter wird. Für mich zählt, wie viele junge Spieler ich am Schluss in die erste Mannschaft bringe.

 

GAW: Sollten die jungen Spieler nicht auch eine Siegermentalität lernen?

Fredy Bickel: Ich verstehe das absolut, aber das eine schließt das andere nicht aus. Ich bringe ein Beispiel. Angenommen die zweite Mannschaft hat ein Spiel und die U18 spielt gegen Salzburg. Es kommt der U18-Trainer und möchte die 2 oder 3 besten Spieler von der zweiten Mannschaft, die vom Jahrgang noch möglich sind. Das ist für mich völlig falsch. Es geht um den Spieler. Wo ist er am besten eingesetzt, wo bringt es ihm am meisten.

Oder ich kann ein Beispiel aus Bern geben. Da gab es in der U18 den Spieler Florent Hadergjonaj. Man hat genau gewusst, dass er aufgrund seiner körperlichen Statur im Profibereich nicht als Sechser spielen können wird. Er hat einen Körper wie Manuel Thurnwald. Er wird das nie spielen können. Die U18 hat ihn – weil er der beste Fußballer war – immer auf dieser Position gebracht. Ich bin zum Trainer und habe ihm gesagt: „Das ist schön und gut und er hilft dir, die Spiele zu gewinnen. Aber er wird diese Position in der ersten Mannschaft nie spielen.“ Wir haben ihn zum rechten Verteidiger gemacht. Er ist in die erste Mannschaft gekommen, dann nach Deutschland gegangen und jetzt spielt er in England. Das meine ich damit. Ich will nicht, dass Trainer Spieler auf Positionen spielen lassen, weil sie dort im Moment die Stärksten sind und Unterschiede machen können, aber man eigentlich schon weiß, dass sie das oben nicht spielen werden.

Wenn du den jungen Spielern das Gefühl gibst, ich will dich bis in die erste Mannschaft bringen, ich mache alles für dich, ich sehe dich auf dieser Position einmal in der ersten Mannschaft und du ziehst es durch, diese Spieler gehen nicht weg, weil sie daran glauben. Ich habe das selbst miterlebt.

Uns hilft viel, dass wir das Trainingszentrum bekommen und ich Steffen Hofmann miteinbeziehen konnte. Im letzten Sommer ist es das erste Mal gelungen, dass wir 6 Juniorennationalspieler zu uns holen konnten. Auch in der Saison davor haben wir mit vielen gesprochen, die aber dann eher nach Salzburg gegangen sind. Der junge Spieler kommt heute nicht mehr zu Rapid, weil es eben Rapid ist und es für ihn das Größte ist. Die sind heute schon so weit und schauen: Wo komme ich weiter, wo hilft es mir am meisten, wo gibt es die beste Ausbildung. Es ist nicht schön, aber es ist eine Tatsache.

 

GAW: Wieso spielt Rapid II nur in der Regionalliga und nicht in der zweiten Liga?

Fredy Bickel: Wir müssen versuchen mit der zweiten Mannschaft aufzusteigen. Das ist für uns unheimlich wichtig. Ich will aber nicht Spieler dazu holen, nur um diesen Aufstieg zu forcieren. Ich möchte es mit diesen Spielern erreichen. Ich möchte sie hinbringen, dass sie es schaffen können. Die Alternative ist, du holst 3 oder 4 – die Austria hat es etwa so gemacht – aber mir ist das zuwider. Ich will nicht Talente bremsen und gestandene Spieler reinwerfen, außer sie sind schon im Verein. Ich habe mit Aleksandar Kostic gesprochen: „Bleib doch noch ein halbes Jahr hier und hilf in der zweiten Mannschaft.“ Oder mit Gashi oder mit Sobczyk hätte ich es probiert. Aber die wollten nicht mehr und dann bringt das auch nichts. Jemanden zu behalten, der laut Vertrag eh noch ein halbes Jahr da ist, ist okay. Spieler nur für den Aufstieg holen – obwohl auch ich aufsteigen will und es sehr wichtig ist – das mache ich nicht.

 

Über seine Transferpolitik und Probleme:

“ Ich stimme immer jeden Transfer mit dem Trainer ab und nur wenn der Trainer hundertprozentig dahinter steht, hole ich auch den Spieler.“

 

GAW: Wie läuft ein Transfer ab? Oder was ist im Sommer schief gelaufen?

Fredy Bickel: Ich gehe da einen Schritt zurück. Was ich immer wieder – auch im Präsidium – zu erklären versuche: Eine Trainerentlassung oder auch wenn du 2 oder 3 Trainer bezahlen musst, kostet nie viel. Aber jeder Trainer sieht sein Spiel, seine Spieler anders, was zu Umgewichtungen in der Mannschaft führt, somit zu teuren Transfers und Transferverlusten, weil ein gut dotierter Spieler plötzlich an Wert verliert.

Ich nehme jetzt diesen Sommer – da sitzt du mit den Trainern zusammen. Wie stellt ihr euch die Mannschaft vor, was braucht ihr, wie möchtet ihr spielen? Das ist ja auch völlig logisch. Es war zum Beispiel absolut klar, dass sie hinten einen Abräumer wollen. Weil sie Marvin Potzmann auf der einen Seite und Boli Bolingoli auf der anderen Seite wollen. Das sind offensiv starke Spieler, die gehen nach vorne mit, haben aber vielleicht Defizite in der Defensive. Die Trainer wollten einen Krieger haben, der einfach nur abräumt. Dann nimmst du dieses Spielerprofil: Kopfballstark, Schnelligkeit, Zweikampfstärke. Das natürlich in einer gewissen finanziellen Range, da fallen dann schon viele raus. Dann kommst du auf Mateo Barac, wo die Scouts gut gearbeitet haben, weil er 1:1 das verkörpert, was wir gesucht haben.

Nun komm ein neuer Trainer und sagt – auch völlig verständlich und ich verstehe auch das: „Mit 2 offensiven Außenverteidigern sind wir zu anfällig und im Zentrum stelle ich mir einen spielstarken Innenverteidiger vor.“ Und das ist Barac nicht. Und er sagt Mateo Barac ehrlicherweise und völlig korrekt: „Eigentlich sehe ich das Spielerprofil auf dieser Position etwas anders.“ Natürlich ist Mateo daraufhin enttäuscht.

Jetzt ist es schlussendlich der Sportchef, der den falschen Transfer gemacht hat und das Scouting, weil sie überhaupt diesen Spieler gefunden haben. Die Ursache liegt aber eigentlich woanders. Mateo Barac hat in das Spielerprofil bei Gogo (Goran Djuricin, ehemaliger Rapidtrainer, Anm.) gepasst, nicht aber in das von Didi Kühbauer. Nur um ein Beispiel zu nehmen.

 

Fredy Bickel und das Grün auf Weiss TeamA
Alexander WELZIG, Christian FELKEL, Markus FELKEL, Fredy BICKEL, Mathias PÜSCHE

 

GAW: Von den 8 Sommertransfers – einer ist schon wieder weg – sind zuletzt wenige in der Startelf gestanden. Wie geht das weiter?

Fredy Bickel: Ich stimme immer jeden Transfer mit dem Trainer ab und nur wenn der Trainer hundertprozentig dahinter steht, hole ich auch den Spieler. Schlussendlich bist du vom Trainer abhängig. Wenn er den Spieler nicht bringt, hilft es dir, dem Spieler und dem Verein nichts. Er muss sich vorstellen, mit ihm überhaupt arbeiten zu können.

Zum Beispiel: Gogo hat ganz klar gesagt: „Dejan Ljubicic ist bei mir gesetzt, da fährt die Eisenbahn drüber. Aber weil wir europäisch sind, brauche ich einen, der ihn in 5 bis 10 Spielen pro Saison ersetzen kann.“

Gut okay, das muss einer sein, der demütig ist und das annimmt. Für mich war Manuel Martic der perfekte Transfer.

Andrei Ivan und Jérémy Guillemenot waren 2 Transfers, wenn da nur einer einschlägt, kann es für uns sportlich und finanziell sehr, sehr interessant werden. Beide haben nichts gekostet. Guillemenot auch vom Salär fast nichts, weil sie (FC Barcelona, Anm.) noch etwas übernommen haben. Wenn er eingeschlagen hätte, hätten wir erst im Januar mehr Gehalt übernehmen müssen. Bei Ivan müssen wir das Salär bezahlen, aber wir haben bis Ende Mai Zeit, um abzuwägen, ob wir ihn kaufen oder nicht. Beide haben als die größten Talente ihres Landes gegolten. Beide haben schlechte Transfers gemacht und sich dadurch selbst viel verspielt.

Klar kannst du im Nachhinein fragen, ob die Transfers etwas gebracht haben oder nicht. Es hat mir unmittelbar nichts gebracht. Siehe Europacup. Wir hatten einige neue Spieler, die den Rhythmus noch nicht hatten und eigentlich schon hätten spielen müssen, weil wir zu Saisonbeginn unglaublich viele verletzte Spieler hatten. Teilweise 7 bis 8. Auswärts beim LASK hatten wir nur noch 15 fitte Spieler.

Guillemenot hätte eigentlich sofort funktionieren müssen, weil wir keine gesunden Spieler mehr hatten. Er konnte aber nicht, weil er absolut keinen Rhythmus hatte. In der Schweiz spielt er bei St. Gallen jedes Spiel von Anfang an und sie bejubeln den Transfer. Und St. Gallen ist gut. Die Liga in der Schweiz ist nicht viel schlechter, St. Gallen ist, glaube ich, im Moment Vierter oder Fünfter. Es war sein Problem, dass er erst fit geworden ist, als Gogo gegangen ist. Und für Didi war er eben nicht der Stürmer, den er sich vorgestellt hat. Das kann passieren. Ich denke wir haben im Sommer bei den Transfers zu viel Risiko genommen und zusätzlich einen Trainerwechsel, der die Spieler, die du geholt hast, etwas anders sieht als sein Vorgänger.

 

GAW: Mit Manuel Martic hat Didi ja bereits gearbeitet.

Fredy Bickel: Von ihm hält er ganz viel, er gefällt ihm. Für Ljubicic, der erst blind gesetzt war, ein junger Spieler ist und erst eine starke Saison hat, ist das eine neue Situation. Und im Winter wollte der Trainer mit Srdjan Grahovac nochmals einen anderen Zentrumsspieler. So verschieben sich die Hierarchien und die Stärken.

 

GAW: Ist Grahovac nur ein 6er oder auch ein 8er?

Fredy Bickel: Für mich sind die 6er eher Ljubicic und Martic und die 8er eher Schwab und Grahovac.

 

GAW: Rapid hat lange immer nur „logische Transfers“ getätigt. Wenn zum Beispiel ein Spieler bei Admira Wacker oder Ried gut war, haben wir ihn verpflichtet. Im Sommer hat Rapid Spieler geholt, die in Österreich eher unbekannt waren. Wie läuft da Ihre Arbeit?

Fredy Bickel: Wir haben Scouts und Mitarbeiter, die sich die Spieler für gewisse Positionen anschauen. Andrei Ivan wollte ich unbedingt schon zu Young Boys holen, der Preis lag aber plötzlich bei 4 Millionen. Wirklich, das war das größte Talent in Rumänien. Er hat A-Nationalmannschaft gespielt und mit 18 Jahren Kapitän in der obersten Liga bei seinem Verein. Dann ist er für 4 Millionen nach Krasnodar gegangen, hat aber 2 Jahre fast nicht gespielt. Ich weiß, was er für ein Potential hat. Ich weiß aber auch, dass er es bisher hier noch nicht abrufen konnte. Es war ein Risiko.

 

GAW: Die Option ist leistbar? Bei Joelinton war das ja nicht der Fall.

Fredy Bickel: Sie ist leistbar.

Bei Andrija Pavlovic ist es anders, das sage ich ganz ehrlich. Da habe ich im Büro alte Scoutingberichte durchgelesen. Ich habe ihn ehrlicherweise nicht gekannt, bin so auf Pavlovic gestoßen, weil Rapid ihn schon mal unbedingt wollte (Anm.: Das war bevor Pavlovic nach Kopenhagen gegangen ist). Die Berichte sind echt gut, ich habe Information eingeholt und Mathias Ringler (Scout, Anm.) war eine Woche dort und hat sich die Trainings mit ihm angeschaut.

 

GAW: Wenn Rapid einen Spieler verkauft, wie viel bleibt netto ungefähr übrig?

Fredy Bickel: Das ist bei jedem anders. Ich habe die Richtlinie, dass wir bei der Vertragsunterzeichnung nicht mehr als 20% abgeben. Die 20% setzen sich zusammen aus abgebender Club, Spielerberater und Spieler. Diese Ansätze sind heute branchenüblich.

 

GAW: Ist da auch eine etwaige Weiterverkaufsklausel vom alten Verein inkludiert?

Fredy Bickel: Ja. Auch wenn der alte Verein etwas bekommt – ich gehe einfach nicht über die 20% hinaus. Aber es gibt natürlich zum Teil auch etwas ältere Verträge, wo dann auch einiges weniger geblieben ist als die 80%, die wir immer anstreben.

 

Schlangengrube Rapid?

„Du gehst in Gremien, jeder will dir helfen, weiß es besser, man diskutiert und 2 Tage später kannst du es dann in der Zeitung lesen.“

 

GAW: Man hört immer wieder von der Schlangengrube Rapid, das hört man schon seit bald 30 Jahren. Ist das so und wer schießt quer?

Fredy Bickel: Ich denke das hat schon auch mit dem Standing und dem unglaublichen Namen von Rapid zu tun. Man muss wissen, es gibt viele Leute, die einfach gerne ein Teil sein und auch wahrgenommen werden wollen. Damit sie sich auch damit schmücken können. Du gehst in Gremien, jeder will dir helfen, weiß es besser, man diskutiert und 2 Tage später kannst du es dann in der Zeitung lesen. Es sind diese Untergrabungen, die gibt es, seitdem ich da bin.

Zum Beispiel die Stürmersuche im Winter ist für mich und einen Verein wie Rapid normal abgelaufen. Du hast 5 oder 6 Kandidaten auf der Liste und es ist ein harter Kampf, weil du finanziell nicht so wie andere einsteigen kannst. Hier wurde es aber zum Kabarett. Jeden Schritt hast du gleich irgendwo gelesen – was jedoch mehr mit den Spieleragenten als mit den Gremien zu tun hat.

 

GAW: Wer sind diese Whistleblower?

Fredy Bickel: Es geht darum, jeder Berater möchte mit Rapid zusammenarbeiten. Wenn ein Berater erfährt, dass wir an dem oder dem Spieler dran sind, dann kannst du das vergessen. Das ist der Erste, der das torpediert und versucht, dass sein Spieler wieder ein Kandidat werden kann. Das ist mir x-mal passiert.

 

GAW: Gibt es auch seriöse Spielerberater?

Fredy Bickel: Es gibt auch seriöse Spielerberater und es ist auch nicht alles nur schlecht. Aber es gibt einige, die in den letzten 2 Jahren keine Transfers gemacht haben und für sie ist das schlimm, wenn sie keinen Transfer mit Rapid machen können. Dann versuchen sie es mit anderen Mitteln.

 

In Teil 2 unseres großen Interviews erfahrt ihr:

🎯 Was Fredy Bickel bei Rapid Wien verändert hat.

🎯 Wie er zum Fußball gekommen ist.

🎯 Weshalb bei Rapid ständig Unruhe herrscht.

🎯 Wieso er schon 3 Kabinenrenovierungen bezahlen musste.

 

Teil 2

 

Schreibe einen Kommentar